Hört auf, uns zu fairarschen!

Poppe wieder! Vor allem eine Szene erhitzte am 24. Spieltag die Gemüter – Démbéle vs. Weiser und das, was der Herthaner in der Folge draus machte. Klar wurde er getroffen. Niemand bezweifelt das. Aber die darauffolgende Schauspieleinlage ging vielen von uns einfach gegen den Strich. Während ihr also alle fein essen oder im Kino wart, hat Thomas Poppe fix in die Tasten gehauen und sich seinen Frust mal von der Seele geschrieben.


Damals, 1981, als die Alu-Stollen noch angespitzt waren, säbelte der Bremer Norbert Siegmann dem heutigen St. Pauli-Trainer Ewald Lienen eine Wunde in den Oberschenkel, die jedem Film automatisch den FSK18-Stempel verpasst hätte. Lienen sah direkt nach dem Treffer das gigantische Loch in seinem Bein, stand auf, schimpfte kurz auf seinen Gegenspieler und rannte (!) dann zu Otto Rehhagel, dem er vorwarf, seine Spieler aufgestachelt zu haben. In seiner Wunde hätte ein Kleinbus parken können und man hätte ihm jede Flugrolle verziehen. Aber es kam: NIX! Irgendwann setze er sich hin und wurde behandelt.

36 Jahre später ist viel passiert. Die achtfache Flugrolle gehört zur guten Stube wie der Übersteiger und der Trademark-Torjubel. Für viele ist es längst clever, abgezockt und naheliegend geworden, dass man jeden Kontakt als Attentat verkauft und in jeder Situation die Maximalstrafe für den Gegner schindet.

Es ist Zeit, auf den Tisch zu hauen und ein deutliches „Lasst die Scheiße endlich sein“ auszurufen, sonst stirbt die Schönheit dieses geilen Sports ganz langsam, wie der vielzitierte Schwan, der Vorbild für so viele Jungs geworden ist.

Hier ein Suarez, der den Five-Finger-Deathpunch auf den Kehlkopf perfekter verkauft als jeder Kill Bill-Darsteller und so das Wunder von Barcelona erst mitermöglicht. Da ein Mitchell Weiser, der gegen Démbéle erst den Ball auf die Siegessäule bollert und dann den Tritt von Démbéle mit fünf Sekunden Zeitverzögerung verkauft als hätten seine Bein erst mal Buffern müssen. Wir lachen drüber, peitschen Memes durch das Netz, freuen uns und schimpfen über den sonst fehlerfreien Deniz Aytekin, der die infame Show doch hätte sehen müssen und über Robert Hartmann, der statt Démbéle doch Weiser die 2. Gelbe hätte zeigen müssen.

Ich liebe diesen geilen Sport. Das Wunder von Barcelona hat mich an diesem Tag bis 2 Uhr wach bleiben lassen, obwohl ich mit beiden Teams nicht viel Liebe verbinde.

Eine geile Samstags-Konfi auf Sky macht aus einem Dreckstag auch schnell mal einen guten und wenn am Ende noch „Das Netz“ seine gute Seite zeigt und man mehr lachen kann als über das komplette Mario Barth-Witze-Ar5ena1, ist Fußball die beste Sache, die man sich als Hobby zulegen kann.

Und dennoch bin ich es eben auch immer mehr leid. Das Streben nach der perfekten Schwalbe, die Selbstverständlichkeit, mit der jede Millisekunden geschunden wird. Aus Prinzip. Seit man den Ball beim Eckball auf die Linie legen darf, wird er vor die Linie gelegt. Das ist am Ende des Tages nicht kriegsentscheidend, aber einfach so herrlich symbolisch für das, was da in den letzten Jahren passiert. Regelausreizung, bis die Regel irgendwann nicht mehr relevant ist. Jubel schon nach dem Elferpfiff – als ob es eine Leistung wäre, gefoult zu werden. Gelbe Karte fordern im Rudel, als wäre man Security bei einem Justin Bieber-Konzert und der Schiri der Popstar. Wann wurde eigentlich das letzten Mal Gelb wegen Gelb-Forderung gegeben? Oder wegen „Vor den Ball stellen“? Am Ende dieser Nahrungskette stehen kleine Jungs, die noch keinen Meter groß sind, aber von vielen Eltern und Trainern schon den Sieg als Ultima Ratio eingeprügelt bekommen. Egal wie. Sieg!

Wenn Kicker wie Weiser dann noch ihr verschrammtes Bein auf Snapchat posten und gegen die „Fußballfachmänner“ wüten, statt zu verstehen, dass sie unglaubwürdig und peinlich wirken, wenn sie erst provozieren und dann simulieren, ist es an der Zeit, mal zum Rundumschlag auszuholen.

Spieler, Trainer, Fans – alle sollten dringend mal den Mund aufmachen. Wann wurde es normal, dass man sich zwölf Mal abrollen muss? Wann wurde es Standart, bei Einwürfen 20 Meter nach vorne zu laufen? Wann wurden Balljungen erstmals angewiesen, dem Gegner nicht sofort die Kugel zu geben? Es ist meist nicht die eine Aktion. Es ist die Summe dieser vielen kleinen Unsportlichkeiten, die alleinstehend ja nicht so wild sind. Und Aktionen von Jungs wie Weiser und Suarez sind die Kirsche auf dem Kackhaufen, der auf das Fair Play geschissen wird.

Es muss alles mal ein bis zwei Gänge zurückgeschraubt werden. Und es muss wieder ein Unterschied zwischen clever und unsportlich gemacht werden. Weil Schiedsrichter sonst kaum noch eine Chance haben. Weil die Kids sonst schon bei den Bambinis den Spaß und den Spirit verlieren. Und weil dieser geile Sport sonst mehr Schrammen bekommt, als das Bein von Mitchell Weiser.


Von Thomas Poppe
(will eigentlich nur, dass sein Jüngster später nicht stolz auf seine Schwalben ist, sondern auf seine Schüsse, Anm. d. Red.)

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