Thurn und Taxis im Interview | Teil 1

Vor dem Spiel Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg trafen wir Sky-Kommentatorenlegende Fritz von Thurn und Taxis. Im ersten Teil unseres dreiteiligen Interviews geht es um den perfekten Sportkommentator, negatives Feedback, Marcel Reif und um Kopfgeld.

Teil 2: Über markante Sprüche, knallbunte Hosen und um sein distanziertes Verhältnis zu BVB-Trainer Jürgen Klopp.
Teil 3: Über außergewöhnlichen Torjubel, Pierre Emile Højbjerg und Kevin-Präänce Boateng, den Thurn-und-Taxis-Parodie-Account auf Twitter und seinen auslaufenden Vertrag bei Sky.


Das Spiel beginnt um 17:30 Uhr im Weserstadion. Um 12:30 Uhr stehen wir am Terminal 2 des Bremer Flughafens. Maschine aus München soeben gelandet. Wenige Minuten später ist er da. Schaut sich kurz um, dann die Begrüßung. Wir steigen ins Auto. Auf dem Weg zum Hotel, wo Thurn und Taxis nach dem Spiel übernachten wird, fragt er: „Und was ist das jetzt, dieses F.U.M.S.?“ und spricht dabei jeden Buchstaben einzeln aus.

Nach kurzweiliger Fahrt: Ankunft im Hotelfoyer. Während er eincheckt und seinen kleinen Koffer aufs Zimmer bringt, suchen wir nach einem geeigneten Raum für das Interview. Dann kann es eigentlich losgehen. Thurn und Taxis ist da, fragt dann aber: „Rauchen Sie?“ Wir verneinen, begleiten ihn dennoch kurz nach draußen. Seine Zigarette zündet er mit einem Streichholz an. Das Gespräch beginnt.


FUMS: Wie viele Fussballspiele schauen Sie in einer Durchschnittswoche?
Fritz von Thurn und Taxis: Mit oder ohne internationalem Fussball?

Nehmen wir ruhig eine Woche, in der viel los ist…
Naja, also es hängt immer davon ab, was ich selbst kommentiere. Wenn ich zum Beispiel Stuttgart gegen Hertha mache, dann habe ich natürlich im Vorfeld ein Auge auf die Spiele beider Teams, schaue mir hier mal ein Dutt-Interview an, gucke dort mal fünf Minuten rein…damit ich weiß, was los ist. Es ist immer wichtig, was ich als Nächstes mache. In der Champions-League mache ich das Rückspiel Bayern gegen Schachtor Donezk. Da habe ich das Hinspiel zwar gesehen, das werde ich mir aber rauskopieren lassen und nochmal intensiver anschauen, jetzt wo ich weiß, dass ich da dran bin. Ansonsten schaue ich Zusammenfassungen. Und im Übrigen kennt man ja die Mannschaften auch.

Früher hab ich gerne nochmal meine eigenen Kommentare gehört und überprüft. Das ist aber sehr zeitintensiv. Das hab ich dann irgendwann sein lassen.

Wir wollten eigentlich darauf hinaus, ob sie privat noch Fussball schauen, wo Sie ja ohnehin schon so viel mit Fussball zu tun haben…
Natürlich. Aber ich muss sagen, dass ich nicht mehr ins Stadion gehe….

Mittlerweile befinden wir uns wieder im Hotel. Es klopft an der Tür. „Ja, bitte“, sagt Thurn und Taxis. Eine junge Dame serviert ihm eine Apfelschorle. „Ein Drrrraummm!“, ruft er mit erhobener Stimme. Und meint damit vermutlich das Getränk.

Früher konnte ich nicht genug bekommen. Zum Beispiel die großen internationalen Spiele im Olympiastadion (in München, Anm. d. Red.), egal ob ich da selbst aktiv war oder nicht. Aber die Zeit muss ja auch irgendwie eingeplant werden. Ich habe zwei Konzert-Abos und mache noch viele andere Dinge. Ein richtig gutes Spiel wie Bayern gegen Dortmund, das versuche ich schon anzuschauen.

Inwiefern haben Sie dann ein Ohr für ihre Kommentatorenkollegen? Viele andere berichten ja durchaus neutraler, nüchterner als Sie – wenn wir allein mal an Oliver Schmidt vom ZDF oder Marco Hagemann von RTL denken…
Ja gut, ich kenne die meisten Kollegen sehr gut. Deswegen habe ich da ein besonderes Auge drauf. Ich interessiere mich schon, wie andere das sehen. Manchmal vergleicht man auch und sagt: Mensch, jetzt hätte ich einen guten Satz dazu. Verstehen Sie? Aber der muss eben dann spontan kommen. Ich bewundere Jeden, der dann mal etwas Besonderes bringt. Ich weiß natürlich – wenn Marcello (Marcel Reif, Anm. d. Red.) spricht, dann bekomme ich einen geschliffenen Kommentar – für mich ist er nach wie vor der Beste unserer Zunft. Wenn Wolff Fuss dran ist, dann weiß ich: viele gute, aber zu viele Sprüche. Mit ihm habe ich schon einmal darüber gesprochen und ihm gesagt: weniger wäre da mehr. Bei vielen jungen Leuten kommt Wolff sehr gut an, hat eine sehr eigene Art, die mich auch gut unterhält.

Wenn du pro Halbzeit zwei gute Sprüche hast, kommt das bei den Zuschauern besser an.

Können Sie sich erklären, warum Sie so komplett anders kommentieren als der Nachwuchs? Außer Ihnen hört man zumindest sehr selten jemanden „Huiuiui“ rufen.
Das kommt aus dem Bauch heraus. Sicher gibt es auch Kollegen, die weniger emotional sind. Grundsätzlich sollte die eigene Persönlichkeit in den Kommentar einfließen. Und man darf keine Rolle spielen. Das merkt der Zuschauer sofort. Es ist ja schön, dass es viele unterschiedliche Typen gibt. Das macht uns ja auch bei Sky so besonders. Ich komme ja aus einer Zeit, als noch viel weniger gesprochen wurde. Wir hatten damals ja nur wenige Informationen und haben uns sehr auf das Spiel an sich konzentriert. Das war sozusagen Fussball pur. Und Euphorie war nicht so sehr gewünscht. Das war für mich schwierig in der Anfangszeit, weil ich damals schon sehr emotional war. Dafür wurde ich aber häufig kritisiert.

Waren Sie Pionier auf diesem Gebiet? Würden Sie das so unterschreiben?
Möglicherweise. Ich war schon einer, der etwas mehr gesprochen hat. Ich musste mich eher zurücknehmen. Mit Gerd Rubenbauer zusammen habe ich dann angefangen, mich intensiver vorzubereiten. Obwohl es noch kein Internet gab, haben wir mehr getan. Die Älteren haben da gesagt: „Wir sind hier die Chefs. Und was wir sagen, gilt Und mehr ist nicht.“ Die Zuschauer zuhause wussten ja auch nicht mehr. Wenn Sie heute Ernst Huberty hören 1970…“Tor. Schnellinger. Ausgerechnet Schnellinger.“ Und Rudi Michel hat beim Finale 1966 beim Wembley-Tor fast 20 Sekunden gar nichts gesagt. Das war halt so damals.

Es ist und bleibt ein immerwährender Kampf. Eine immerwährende Auseinandersetzung.

Müssen Sie sich heute noch bremsen? Sind Sie eigentlich noch viel euphorischer, extrovertierter, als wir Sie ohnehin schon erleben?
Ja. Es ist und bleibt immerwährender Kampf. Eine immerwährende Auseinandersetzung mit sich selbst. Ich versuche, einen vernünftigen Kommentarrhythmus aufzubauen. Nicht zu viel sprechen, auch nicht zu wenig und vor allem nicht am Bild vorbei. Der Zuschauer braucht auch Pausen, um alles, was gesagt wird, zu verarbeiten. Insofern: Euphorie ja, aber auch sachliche Einschätzung. Die Mischung machts.

Wie sehen Sie die ganzen Rückmeldungen rund um Ihre Person? Es gibt Menschen, die lieben Sie, andere – man mag es kaum sagen, hassen Sie…
Jaja, hassen ist schon richtig.

Wie empfinden Sie das? Kratzt sie das?
Die meisten würden jetzt wahrscheinlich sagen: das ficht mich nicht an. Das stimmt so nicht. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Jeder Mensch will geliebt werden für das, was er macht. Oder zumindest gewürdigt werden. Man neigt schon dazu, sich damit auseinanderzusetzen. Aber was in den Sozialen Medien zum Teil anonym an Verunglimpfung, an Verachtung, an Hass transportiert wird, ist asozial und so etwas darf man nicht an sich heranlassen.

Dann steht da zum Beispiel: „Ich zahle jeden Preis für seinen Kopf.“ Habe ich auch schon gehört.

Im Übrigen hat mir vor 40 Jahren schon ein großer Meister, Rudi Michel, gesagt: „TT, mehr als 50 Prozent (positives Feedback, Anm. d. Red.) im Schnitt werden Sie nicht haben. Wenn Sie 50 Prozent haben, sind Sie gut dabei.“ Damit muss man leben und damit lebe ich. Mehr als 50 Prozent sind nicht zu schaffen. Es gibt Kommentatoren, die polarisieren, weil sie eben anders sind. Speziell. Einen anderen Stil entwickeln. Das gefällt vielen oder eben auch nicht. Aber nur so interessiert man sich für sie. Alles andere wäre beliebig. Wie gesagt – 50:50.

Aber das schaffen Sie doch…
Ich weiß es nicht. Manchmal vielleicht. Topkommentatoren werden häufig diversen Vereinen zugeordnet und als Fans bezeichnet. Mir wird seit jeher eine Nähe zu den Bayern vorgeworfen. Das hat einen Hintergrund. Ich habe über 20 Jahre in der ARD für den Bayrischen Rundfunk gearbeitet. Als ich 1971 anfing, waren die Bayern zweimal Deutscher Meister. Ich bin dann den Weg des Erfolges als Journalist mitgegangen. 20 Meisterschaften, ein Dutzend Pokalsiege, sechs Europacup-Titel. Da schwimmt man auf einer Welle des Neids und der Eifersucht auf den berühmten und erfolgreichen FC Bayern mit. In den Augen vieler Zuschauer bin ich dann direkt der Bayernfan. Bei Marcello sieht es nicht anders aus. Daran erkennt man, wie verrückt die Situation ist.


Interview: Cord Sauer


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 Legendenselfie mit „TT“, wie seine Kollegen ihn nennen.
Cord Sauer traf Fritz von Thurn und Taxis vor dem Spiel Werder vs. Wolfsburg.

FUMS

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