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Was haben Dietmar Hopp und Timo Werner gemeinsam? Richtig, das misogyne Schimpfwort, das im Sprachgebrauch vieler Fußballfans untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist. Man muss es nicht mal schreiben, ihr habt es sowieso schon im Kopf. Ein Status Quo, der heftig mit den vielen Bemühungen kollidiert, Frauen- und Queerfeindlich im Fußball endlich auf das Abstellgleis zu schicken. Unsere Autorin Solveig Haas hat sich mit genau diesem Status Quo befasst.


„Frauenfeindlichkeit, die gibt’s in deutschen Stadien nicht mehr! Dafür stehen wir!“ werden jetzt sicher viele Fans empört rufen. Und das ist nicht falsch, denn da hat sich in den letzten Jahren wirklich schon viel getan. Und doch rufen, schreiben und twittern sogar Fans, die sonst mit vollem Einsatz gegen Diskriminierung stehen, frisch und frei über die angeblich promiskuitiven Aktivitäten der Mütter von Hopp und Werner. Weil von einer Frau abzustammen, die ihre Sexualität auslebt und damit eventuell Gott bewahre, auch noch Geld verdient, immer noch die schlimmste Beleidigung ist. Fußball ist ein knallharter Männersport, alles was nur irgendwie feminin wirkt, passt da nicht rein, allen voran Frauen oder homosexuelle Männer. Noch schlimmer ist es nur, als Fußballspieler selbst zu weiblich zu sein. „Schwul“ ist ein anderes strukturell diskriminierendes Schimpfwort, das in den Stadien einfach nicht ausstirbt. Das ist der Status Quo.

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Selbstkontrolle der Fans greift – Rückhalt fehlt

Frauenfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit sind zwei der großen strukturellen Probleme unserer Gesellschaft – natürlich betreffen sie auch die Gesellschaft im Stadion. Und zwar nicht nur die, die laut die Schimpfworte ins Rund brüllen und auf die man dann so schön mit dem Finger zeigen kann. Sie betreffen uns alle. Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Privilegierten. Eine, die sich auf internalisierte Diskriminierungen stützt. „Der schießt wie ein Mädchen!“ ist eine Beleidigung und „Schwul“ ist in jedem einzelnen Bundesligastadion noch ein Schimpfwort. Nicht bei allen Fans. Vermutlich nicht mal bei der Mehrheit. Aber bei genug davon, um einen Spieler mental unglaublich unter Druck zu setzen. Während im Stadion oft noch die Selbstkontrolle der Fans greift, dass die vernünftige Mehrheit die Täter*innen eventuell sogar vor die Tür setzt, geht es in den sozialen Medien weiter. Aber damit nicht genug: Statt sich laut und stabil gegen diese Diskriminierungen zu stellen, statt queeren Spieler*innen und Fans ein Rückhalt zu sein, plant der Weltfußball eine WM in Katar, wo Homosexualität unter Strafe steht und der ehemalige FIFA-Präsident rät homosexuellen Paaren dazu, dort „jegliche sexuellen Handlungen zu unterlassen“. Das ist der Status Quo.

Wir müssen handeln, nicht die Betroffenen!

In der vergangenen Woche haben 800 Fußballspieler*innen im Magazin 11FREUNDE öffentlich gemacht, dass sie Verbündete sind, also Menschen, die queeren Kolleg*innen zur Seite stehen, egal ob und wie sie ein Coming Out in Betracht ziehen. Im aktuellen Klima genau die richtige Aktion, denn sie nimmt die Last der Verantwortung von den Schultern der Betroffenen und schenkt ihnen einen Hauch von dem, was Normalität sein sollte: die selbstverständliche Möglichkeit, sich gefahrlos und ohne Druck zu outen – oder eben nicht. Diese Aktion wäre nicht nötig, wenn wir diese Selbstverständlichkeit schon hätten.

Selbst im Artikel dazu spricht Union-Profi Max Kruse von „Beistand gegen die Idioten da draußen.“ – Das sind wir. Die Fans oder die, die sich selbst als solche bezeichnen. Und diesen Schuh werden wir uns so lange anziehen müssen bis es für einen Fußballspieler genauso normal ist, von seinem Partner zu sprechen, wie von seiner Partnerin. So lange, bis das schmerzverzerrte Gesicht nach dem Foul nicht eine Bezeichnung als „schwules Weichei“ nach sich zieht, so lange bis Tränen der Enttäuschung oder der Freude nicht mehr als Mädchengetue gewertet werden. Und bevor jetzt einer „Not all Fans!“ schreit: Nein. Not all Fans. Aber zu viele. Anzuerkennen, dass der Status Quo ist, wie er ist, ist der erste Schritt zur Verbesserung. Aktionen wie die der 11FREUNDE sind ein riesiger Schritt auf dem richtigen Weg, aber den müssen wir auch mitgehen. Aber eben nicht nur, in dem wir ein Schild mit einem reichweitenstarken Hashtag in die Kamera halten, sondern indem wir uns selbst und unser Umfeld kritisch hinterfragen. Ja, ihr könnt auf uns zählen, wir stehen hinter euch und gehen mit euch. Aber wir gehen auch in uns und überprüfen, wo wir vielleicht selbst noch nacharbeiten müssen. Damit der Status Quo endlich ein anderer wird.


Von Solveig Haas

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