Kohfeldt raus, Schaaf rein. Okay Werder, über den Zeitpunkt wird zu streiten sein und ob der Trainer das Problem war, wird man sehen, aber Thomas Schaaf zurückzuholen ist sicher nicht die dümmste aller Ideen. Der letzte Trainer vor Florian Kohfeldt, der Werder wirklich verstanden hat, ist in der aktuellen Situation eine bessere Alternative als ein panisches Experiment – auch wenn Kohfeldt so einen Abgang wirklich nicht verdient hat. Aber es ist, wie es ist und es gibt zwei mögliche Arten, die Ära Kohfeldt und ihr Ende zu betrachten. Ein Kommentar von Solveig Haas.


Erstens:

„Was hat der Typ (hier bitte wahlweise Kohfeldt oder Baumann in die Verantwortung ziehen) aus Werder Bremen gemacht? Schon wieder Abstiegskampf, schon wieder Existenzkampf. Spieler wie Klaassen und Kruse verkauft auf Rashica sitzen geblieben, der überteuerte Kauf von Davy Selke droht – oder eben der Abstieg in die zweite Liga.

Auf dem Platz ein verunsicherter Haufen von glücklosen „hätten-vielleicht-Potenzial-gehabt“-Spielern, an der Seitenlinie ein Trainer, der einst aus Werder-Liebe brüllte und inzwischen aus purem Frust. Werder Bremen, das schon wieder ganz unten drin hängt in der Tabelle, weil gefühlt überall das Glück fehlte. Transferglück, Spielglück, für Werder in dieser Saison offenbar unerreichbar. Sogar die Schiedsrichter haben’s auf uns abgesehen und dann kam auch noch Verletzungspech dazu. Und dieses Rumgeeier zum Ende der Saison! Wie peinlich!

Öffentliches Drama um den Aufsichtsrat, erst kein klares Bekenntnis zum Trainer, dann doch und dann der Rausschmiss, wer soll denn da noch durchblicken? Der Rausschmiss jedenfalls, der kam zu spät. Und dass Baumann nicht auch gleich noch seinen Hut nimmt, das ist ja wohl ein Witz. (Bau-) Mann! Das ist nicht mehr mein Werder!“

Legitime Sichtweise und vollkommen verständlicher Frust. Da war mehr drin für Werder und keiner weiß so richtig, warum das keiner rauskitzeln konnte. Aber das ist eben nicht alles.

Deshalb zweitens:

„Die sportlich komplett frustrierende Komponente mal beiseite, warum lieben wir Werder eigentlich? Werder war schon immer eine Mannschaft, bei der alles stimmen muss, damit es klappt. Bei der jedes Rädchen perfekt ins andere greifen muss, damit man oben in der Tabelle mitspielen kann. Ein Verein, der rein finanziell keinen Erfolg kaufen kann, sondern ihn entwickeln muss – aus Spielern, die oft als Wundertüten kamen. Das kann sehr gut gehen (wie zuletzt bei Jiri Pavlenka) aber manchmal wird man eben auch enttäuscht. Und dazu gehört auch, dass Spieler, wenn sie dann gut entwickelt sind, den Verein verlassen. Es ist das Leid eines Vereines wie Werder, dass sportlicher Erfolg kein Dauerzustand ist, sondern ein Auf und Ab und manchmal auch pures Glück. (Das war übrigens mal ganz normal in Zeiten vor den großen Mäzenen und Investoren. Erinnert sich jemand?)

Alles über Werder und Kohfeldt gibt’s auch drüben bei DeichFUMS:

Inzwischen haben wir keine Zeit mehr für Entwicklung. Es gibt Farmteams, Spieler werden verliehen, bis fest steht, dass sie „gut genug“ sind und abgestoßen, wenn sie nicht performen. Trainer wechseln nach striktem Karriereplan ins nächste Stadion und sagen „Hey, genauso schön, nur andere Farben!“
Mag sein, dass das der moderne Fußball ist – mein Fußball ist es nicht.

Werder scheitert seit gefühlt Jahren daran, Haltung und Konsequenz was Personal und Methoden angeht in Einklang mit modernem, erfolgreichem Fußball zu bringen. Das ist sportlich (und leider finanziell) ein Problem, sicherlich. Menschlich aber ist es für mich als Werderfan und Fußballromantikerin ein Lichtblick. So lange an einem Trainer festzuhalten, der vielleicht sportlich hart zu kämpfen hat, aber den Verein wirklich bis ins grün-weiße Herz versteht, das ist vielleicht nicht klug – aber es ist Liebe.

Man wird einen Mittelweg finden müssen, zwischen der Werderlinie und Methoden, die sicheren sportlichen Erfolg bringen, sonst wird Werder abgehängt. Aber dass die Bremer sich noch nicht ganz in die Schablone des gesichtslosen Profifußballs pressen lassen, dass da einer Trainer ist, der den Verein liebt, der immer an ihn glaubt und jeden Tag 120 Prozent gibt, aus purer Leidenschaft, das lieb’ ich sehr. Und dass der dann vielleicht ein paar Wochen länger eine Chance bekommt, als sportlich klug wäre, das lieb’ ich auch. Das ist mein Werder.“
Es gibt zwei mögliche Arten, die Ära Kohfeldt und ihr Ende zu betrachten. Ich entscheide mich für die zweite. Danke, Florian. Du hättest einen schöneren Abschied verdient.


Von Solveig Haas

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