Hast du auch bei diesem Thema die eingangs von dir angesprochene Gelassenheit gehabt oder hat das ein paar Tage gedauert?
Also an dem Tag selbst, als das Thema aufkam, was es für mich total überraschend. Weil ich die Szene gar nicht mehr in Erinnerung hatte. Es war für mich eine ganz normale Arbeitsszene, wie es sie häufiger gibt. Ein Mitarbeiter vom Ton ist da, eine Maskenbildnerin ist da, man selbst ist im Tunnel.  An dem Tag war damals schon echt viel los. Gelassen wäre da vielleicht das falsche Wort, aber ich bleibe da schon eher ruhig.

Dass man sich dann vielleicht etwas unverstanden fühlt, schwingt da gar nicht mit….?
Verstehen muss es meine Frau. Oder meine Schwiegereltern. Oder die Geigenlehrerin meiner Tochter, die angerufen hat und gefragt hat, was denn da los sei. Der musste ich das erklären. Die Leute, die mich kennen, wissen, wie so etwas passiert.

Ich profitiere in meinem Job oft genug davon, dass Dinge ans Tageslicht kommen, die für die Betroffenen unangenehm sein können. Jetzt war ich mal betroffen.

So eine Nummer überdeckt natürlich viel. Das erste, was die gängigen Suchmaschinen ausspucken, wenn man Patrick Wasserziehr eingibt, sind 35 Videos von besagter Szene und dann nochmal 35 Artikel dazu. Und das ist doch, wenn man deinen journalistischen Ansatz betrachtet, schon sehr schade…
Ja, das kann man so sehen. Aber ich habe ehrlich gesagt auf Strecke nicht den Eindruck, dass es tatsächlich meinen journalistischen Ansatz zerstört. Dass sowas dann bei Google als erstes kommt, verstehe ich. Aber ich habe dann doch genug Vertrauen in meine Arbeit, so dass ich nicht befürchte, dass ich nur über einen umgerührten Kaffee wahrgenommen werde. Im Übrigen habe ich versucht, das Ganze mit Humor zu nehmen. Ich trinke den Kaffee seitdem nur noch schwarz – und getrunken habe ich ihn damals immerhin selber.

Gut, jetzt haben wir das Thema dann doch deutlich intensiver besprochen als wir eigentlich wollten…
Wenn ich Interview-Schulungen gebe, sage ich immer: Ein wesentliches Element ist, zuzuhören. Das Spannende an einem Interview ist ja immer: Wo kann man einhaken, wo kann man dem Ganzen eine Wendung geben?



Apropos Wendung. Du bist Talkmaster und Fieldreporter. Ein Mann der klaren Worte. Einer, der auch die unangenehmen Fragen stellt und sich nicht scheut, mit seinem Gegenüber in kontroverse Debatten einzusteigen. Wie schafft man es eigentlich, dass Gäste und Gesprächspartner trotzdem immer gerne wieder kommen und nicht irgendwann sagen: „Zu dem Wasserziehr gehe ich nicht mehr, der stellt immer lästige Nachfragen“ oder: „Bei dem sehe ich nicht gut aus…“?
Ich glaube, es gibt in der Bundesliga immer noch Typen, die sich gerne mal messen. Leute, die auch bereit sind, auf einem bestimmten Niveau einen Austausch von Gedanken zu haben. In einer idealen Welt würde man sogar sagen: Ich gehe dahin, weil es zu meiner Aufgabenstellung gehört. Das findet allerdings nicht so statt, wie ich es mir wünschen würde. Ansonsten ist wichtig, dass es nicht persönlich werden darf. Und das Gespräch muss Substanz haben. Das, was ich mache, ist nicht aus der Luft gegriffen und es ist nie verletzend. Es ist der Versuch, mit Neugier und Wissensdurst etwas zu erfragen. Und mir ist völlig klar, dass mein Gegenüber nicht immer alles sagen darf oder sagen kann. Aber ich unternehme den Versuch, etwas zu erfahren, was wir vorher nicht wussten.

Du schaffst aber auch oftmals einen Moment des Unwohlseins für deinen Gegenüber…
Das glaub ich ehrlich gesagt gar nicht. Natürlich gab es auch Interviewpartner, die mir im Anschluss gesagt haben, dass es ein bisschen drüber war. Aber grundsätzlich: Solange mein Gegenüber spürt, dass es fair abläuft, kommt er wieder.

Ich habe bei meinem Lehrmeister Harry Valérien gelernt: Keine Sieger, keine Besiegten. Also muss ich niemandem beweisen, dass ich der Bessere von beiden war. Es darf aber auch nicht sein, dass mein Gegenüber das Gefühl hat, dass er mit mir Karussell fahren kann. Wenn ich hart nachfrage, dann nimmt man mich auch ernst.

Ich habe das Gefühl, dass mir das bisher meistens ganz gut gelungen ist. Mit den meisten habe ich einen ganz normalen Draht. Vielleicht eine kleine Anekdote. In den 90ern war Matthias Sammer noch Spieler. Werder gewann gegen Dortmund 4:0, Dortmund war Favorit. Ich habe Sammer danach nach den Gründen gefragt und er ging sofort aus dem Sattel. Er warf mir vor, ich hätte überhaupt keine Ahnung von Fußball. Dann habe ich dagegen gehalten und es ging munter hin und her. Und ich dachte danach, er hätte einen Riesenhals. Aber als die Kamera aus war, kam er zu mir, klatschte mit mir ab und sagt: „War doch super, Patrick, oder? Man muss doch auch mal ein bisschen Feuer reinbringen.“ Und da habe ich gedacht: Gerade bei Sammer hätte ich das nicht vermutet. Aber es mir gezeigt: Man kann sich auch mal vor der Kamera zoffen oder auseinandersetzen, aber solange der menschliche Respekt vorhanden ist, bleibt alles im Rahmen.

Wir haben mal bei FUMS nachgeschaut, was es zu dir so gibt bei uns im Archiv und sind unter anderem auf ein legendäres Interview von dir gestoßen – ebenfalls mit Matthias Sammer. Ein Interview aus dem Jahr 2016, bei dem du Sammer scheinbar ein weiteres Mal zum Brodeln gebracht hast…
Ich erinnere mich…



Sammer erklärte, dass Robben mit einer Adduktorenverletzung ausfällt und hast dreimal nachgebohrt, wann, wo und wie das passiert sei. Solange, bis sich Sammer den Reißverschluss seiner Trainingsjacke bis zum Stehkragen hochzog und die komplette Bandbreite an Emotionen zum Vorschein kam – von irritiert, genervt, angespannt, und brodelnd war gefühlt alles dabei. Da muss sich ein Matthias Sammer doch angegriffen fühlen von einem Journalisten, der häufig unangenehme Rückfragen stellt…
Ich sage euch jetzt, wie es ist: Ein Matthias Sammer fühlt sich da nicht angegriffen. Andere vielleicht schon. Die sagen dann vielleicht auch, wenn unsere Anfrage reinkommt: „Ich habe Samstag möglicherweise ein Terminproblem und kann da nicht.“ Sammer macht das nicht, er ist einer der alten Garde, der den Wettkampf will. Der sich auch herausgefordert fühlt und der begriffen hat, was auch meine Aufgabe ist. Ich habe mit ihm noch nie Schwierigkeiten gehabt.

Interviews sind immer dann spannend, wenn sie unerwartet sind. Oder wenn dich ein Gesprächspartner fordert. Das muss aber auch heißen, dass man selbst einigermaßen sicher im Sattel sitzt. Ein gutes Streitgespräch ist die beste Unterhaltung.

Sammer, Kahn, Lehmann, Klopp, Hoeneß – ich habe auch mal Boris Becker interviewt in den 90er Jahren, als er ein Superstar war und der mich auch erst einmal getestet hat. Aber das ist doch spannend. Bei Jens Lehmann war es immer so: Du fragst ihn etwas, und es kommt immer erstmal eine Gegenfrage, um dich auf die Probe zu stellen. Immer. Das muss man aber wissen. Ich sage immer: Du musst den zweiten Ball vorbereiten. Also wenn ich eine Frage stelle, muss ich darauf vorbereitet sein, dass auch mal etwas zurückkommt. Das sind die Situationen, die ich persönlich herausfordernd finde und die dann auch Spaß machen. Denkt doch mal an das Interview von Marcus Lindemann mit Rudi Völler. Das war von Marcus fantastisch gemacht. Super geistesgegenwärtig gemanaged und dann auch irgendwann die Ausfahrt gefunden. Interviews können eine große Wucht entwickeln.

Aber grundsätzlich müssen wir in der Bundesliga aufpassen, dass wir uns eine Form der Streitkultur erhalten. Dass auch die Manager, die Verantwortlichen auch weiterhin bereit sind, kritische Fragen zuzulassen.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das der Bundesliga auf Dauer hilft. Wenn alle immer nur das gefragt werden und das sagen, was sie für bequem halten, wird sich nichts entwickeln. Und an dem Punkt sind wir gerade. Der deutsche Fußball muss aufpassen. Wenn du nur auf einer eigenen Insel der Glückseligkeit unterwegs bist, wirst du im internationalen Wettbewerb Probleme bekommen.

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Über verhinderte Freundschaften, den Sendeplatz von Sky90 und seine Beziehung zu Fritz von Thurn und Taxis

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