Es scheint also nicht leicht zu sein, sich von diesem Gewinner-Verlierer-Stigma in einem Interview loszusprechen. Gerade Rudi Völler pflegt ja gerne mal die von dir angesprochene Streitkultur und hatte insbesondere mit Sky diverse Interviews jener Kategorie, unter anderem mit Jessica Libbertz, Christina Rann, Marcus Lindemann…
Indirekt auch mit mir, als wir die Personalie Heiko Herrlich besprochen haben in dieser Saison. Ich würde aber auch Rudi Völler in diese Reihe stellen derer, mit denen man sich auseinandersetzen oder sogar streiten kann und der beim nächsten Mal trotzdem wieder zur Verfügung steht. Also wenn Rudi Völler in Form kommt, dann stehst du im Wind.

Du hast gesagt, Distanz ist wichtig. Hast du eigentlich das Gefühl, dass du großartige Freundschaften verhindert hast mit dieser Einstellung?
Ich habe es nie angestrebt. Man muss es aber auch richtig verstehen: Ich habe freundschaftliche Beziehungen. Wie zum Beispiel zu Franz Beckenbauer.

Aber es gibt nicht den gemeinsamen Urlaub.
Nein. Das habe ich nie gewollt. Ob es umgekehrt gewollt war, kann ich nicht beurteilen. Aber ich war mit niemandem an dem Punkt, an dem das zur Debatte stand. Allerdings habe ich den einen oder anderen im Urlaub mal zufällig getroffen im Robinson Club auf Fuerteventura. Das fand ich auch immer alles ganz schön, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, das selbst anzustreben oder dass jemand aus der Fußballszene mein Trauzeuge wird. Das wäre mir einfach zu weit gegangen.

Wie blickst du auf andere Kollegen in Interviewsituationen? Gerade du mit deiner angesprochenen Hartnäckigkeit und der Stärke, auch unangenehme Fragen zu stellen, musst doch da in schöner Regelmäßigkeit wahnsinnig werden, Stichwort weichgespülte Interviews…
Ich schaue wirklich alles Mögliche, nicht nur im Sport sondern vor allem auch politische Talkrunden. Das schaue ich aus persönlichem und beruflichem Interesse. Frank Plasberg ist beispielsweise ein großartiger Talkmoderator, der immer wieder geschickt nachfragt und doch immer wieder den Punkt findet, jemanden zu schützen, der gerade stark in der Kritik steht…

Plasberg muss ja teilweise schon als Zirkusdirektor auftreten…
(lacht) Das darf man nicht unterschätzen, wenn man so einen Talk moderiert. Du musst verschiedene Persönlichkeiten zusammenbringen, es sollte kontrovers diskutiert werden und du musst die Leute zuhause unterhalten. Ich muss berücksichtigen, dass ich meine Fragen stark stelle, auf der anderen Seite darf sich niemand angegriffen fühlen. Manchmal muss ich auch provozieren, aber das ist alles eine Frage der Erfahrung. Hier einmal die Augenbraue hochziehen oder dort einmal eine Sekunde länger warten, das kann enorme Effekte haben. Um auf die Frage zu antworten: Ja, ich schaue mir viele andere Interviews an. Und manchmal denke ich: Mensch, jetzt hast du so lange Zeit gehabt mit deinem Gesprächspartner und am Ende kommt nicht einmal eine Frage dabei raus sondern nur eine Feststellung. Ich finde aber: Es gibt auch sehr viele, in unserem Hause bei Sky aber auch woanders,die das sehr gut machen. Wo das Niveau deutlich besser ist, als oftmals wahrgenommen. Denken wir beispielsweise an Jochen Breyer. Wie er neulich Hasan Salihamidzic interviewt hat, war launig und trotzdem inhaltsstark.

Wichtig ist ja auch: In welcher Situation befinden wir uns? 17:17 Uhr nach Schlusspfiff oder Sportstudio in Ruhe? Das sind schon Dinge, die muss man sich deutlich machen. Wie ist mein Gesprächspartner drauf?

Marcus Lindemann mit Völler, Boris Büchler mit Mats Hummels nach dem Mexiko-Spiel – das war so inhaltsstark. Oder nehmen wir auch mal die jüngeren Kollegen. Jurek Rohrberg kürzlich mit Hannes Wolf oder mit Aaron Hunt. Da gibt es viele Beispiele. Ihr merkt, worauf ich hinaus will. Eigentlich ärgert es mich, wenn der Eindruck entsteht, dass alle Interviews gleich sind. Das sind sie nicht. Es gibt so viele Interviews, die Dinge verändert haben.

Rummenigge wird im Moment sehr stark kritisiert für seine Äußerungen zu Kovac. Mag sein, dass er gewisse Absichten verfolgt. Ich sage: Er antwortet so ehrlich, wie es geht. Er lügt nicht.

Er könnte ja sagen: Wir machen mit Kovac weiter. Und im Sommer ist trotzdem Feierabend. Was er aber macht, ist: Er lässt diese Möglichkeit offen und dekliniert sehr klar durch, was Bayern München ist. Nämlich maximales Erfolgsstreben. Und das fehlt gerade bei sehr vielen anderen Klubs. Rummenigge hat nämlich dieses Mal nicht gesagt: Ja, gut, wir sind gegen Liverpool ausgeschieden, weil die Premier League so viel Geld hat, und weil der Schiedsrichter gegen uns gepfiffen hat. Sondern es heißt dann: Wir waren zu mutlos. Und dieses eine Spiel nehmen wir auch als Anlass, um nachzudenken. Und das imponiert mir. Ich glaube, das ist ein Erfolgsdenken, was man sicherlich hart finden kann und was auch für Kovac hart ist jetzt. Aber es trägt dazu bei, dass die Bayern konstant Erfolg haben.

Das Streben nach maximalem Erfolg, das du bei den Bayern ausgemacht hast, ließe sich auch wunderbar auf Medienschaffende übertragen. Trifft das auf dich zu?
Ich versuche, für jede Sendung die maximale Leistung zu erbringen. Was danach dabei herauskommt, habe ich ja gar nicht selbst in der Hand. Ich war nie an Positionen oder an Titeln interessiert, sondern habe mich immer darauf verlassen, dass meine Qualität ausreicht. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, allerdings sind mir Rhythmus und Balance wichtig., Ich kann keine sieben Tage permanent an die nächste Sendung denken. Ich war gestern mit meiner Familie in Timmendorf, und dann bin ich auch gedanklich an der Pommesbude am Timmendorfer Strand. Das brauche ich auch, um dann wieder Vollgas geben zu können.

Du wirkst trotz aller Gelassenheit und Erfahrung wie jemand, der sich zutraut, immer noch besser zu werden. Wer darf dir Feedback geben?
Gelassenheit heißt ja nicht, dass man sich gemütlich zurücklehnt und sagt: Das war es jetzt. Das kannst du dir beim Privatfernsehen nicht leisten und so ticke ich auch nicht. Man muss versuchen, seinem Kern treu zu bleiben und sich dennoch weiterzuentwickeln.Als er noch lebte, war Harry Valérien ein regelmäßiger Feedbackgeber für mich. Heutzutage ist es so, dass es regelmäßig Rückmeldungen von Sky gibt oder vom Sendungsleiter. Dann gibt es direktes Feedback von den Zuschauern, beim Bäcker, bei der Tankstelle oder auf den Hamburger Amateurplätzen. Und natürlich von meiner Frau. . Mit ihr tausche ich mich wirklich regelmäßig aus.

Die schaut sich den Typen im Fernsehen auch immer noch regelmäßig an….
Nicht jede Sendung. Aber schon sehr viel und wir sprechen auch viel drüber, aber bei vielen Dingen weiß ich es ehrlich gesagt auch selbst. (Kurze Pause). Wen ich übrigens auch jeder Zeit um Rat fragen kann, ist Fritz von Thurn und Taxis.

Fritz und ich haben ein sehr herzliches Verhältnis zueinander. Seine große Kunst bestand ja darin, dass er die Atmosphäre aus dem Stadion direkt ins Wohnzimmer holen konnte. Wenn der sich aus England meldete, dann war das immer etwas ganz besonderes. Fritz von Thurn und Taxis meldet sich aus dem Ausland, es knistert ein bisschen in der Leitung.

Diese unglaubliche Begeisterung auf der einen Seite und auf der anderen Seite diese scharfe Urteilsfähigkeit – das darf man nicht unterschätzen bei ihm – weil seine Freundlichkeit oftmals auch dazu verleitet zu denken, er nimmt es vielleicht alles gar nicht so ernst.  Er ist auch regelmäßig bei Sky90 zu Gast, genauso wie Marcel Reif. Beide könnte und würde ich jederzeit um beruflichen Rat fragen.

Lass uns noch kurz über Sky90 und den Sendeplatz sprechen. Bist du happy damit? Eigentlich läuft der Talk doch unter dem Radar, oder nicht? Der Spieltag ist quasi durch, alles wurde irgendwo irgendwie schon einmal gesagt und dann laufen Sonntagabend Spielfilme und der Deutschen liebstes Kind, der Tatort im Ersten. Wie ist das für dich?
Der Sendeplatz ist zunächst einmal sehr logisch, direkt nach dem Bundesliga-Spieltag. Aus meiner Sicht gibt es keinen besseren Sendeplatz als den am Sonntagabend. Er ist für unser Format schon ideal, weil das Fußballpublikum bereits auf dem Sender ist und wir ihnen nach dem Live-Fußball noch einen schönen Mehrwert bieten können. Wir haben regelmäßig Nutzungszahlen im sechsstelligen Bereich, das ist für unsere Verhältnisse schon sehr ordentlich. „Unter dem Radar“ ist relativ. Ich finde, wir produzieren oft genug Schlagzeilen. Wir setzen relevante Themen. Das ist für unser Sky90 Publikum wichtig, das offensichtlich an  Hintergründen interessiert ist.  Denken wir nur an Didi Hamann und die angestoßene Diskussion rund um Robert Lewandowski.


Das klingt alles sehr nach einem Wunschsendeplatz, wenn man dir so zuhört…
Ja, für mich ist der Sonntagabend der Wunschsendeplatz. Wenn ich so daran denke, wer alles schon bei uns war – so verkehrt war es jetzt nicht. Pelé, Beckenbauer, Netzer – oder Kahn und Lehmann waren bei uns das erste Mal zusammen im deutschen Fernsehen. Wir hatten Heynckes und Klopp zusammen in der Sendung. Das war schon unglaublich…

Wie groß ist der eigene Einfluss auf die Gäste?

Wir haben einen Sendungsleiter, Mario Volpe, der kam damals von der BILD und der weiß, wie das Geschäft funktioniert. Ein sehr guter, engagierter Mann. Er ist derjenige, der in der eigentlichen Akquise alles umsetzt. Wir beide sind im regelmäßigen Austausch, aber natürlich helfen auch unsere Kontakte, die wir uns aufgebaut haben. Und dann hilft manchmal natürlich auch der gute Ruf der Sendung. Es geht aber immer in erster Linie um die Runde und nicht nur um den einen Stargast. Das ist ganz wichtig – ich stimme da in der Regel vieles mit ab.

EINE SEITE HABEN WIR NOCH:
Dort gehts um ein mögliches Engagement Patrick Wasserziehrs beim HSV. Also wenn das nicht neugierig macht, wissen wir auch nicht weiter…

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