Geisterspiele JA oder NEIN? Geht das? Soll man das? Während es normalerweise im April eines jeden Jahres um die Frage geht, ob die Bayern nächsten Spieltag Meister werden oder der HSV im Kampf um Auf- und Abstieg noch eine Wende vollzieht, streitet Fußball-Deutschland 2020 um das große Thema Saisonfortsetzung. Unser verbales Schreckgespenst Thomas Poppe hat keine Lust auf Fußball ohne Fans und ist dennoch für eine Fortsetzung der Saison. Und alle so: Hä?


Eines vorneweg: Ich hab keinen Bock auf Geisterspiele. Ich habe noch nicht mal Bock auf allgemeine Lockerungen. Wenn es nach mir ginge, hätten wir noch ein paar Wochen harten Lockdown gemacht und dann alle neuen Fälle verfolgt. Spiele ohne Fans sind doof – rein emotional würde ich sagen: „Lasst den Bums, brecht alles ab und macht bitte erst weiter, wenn auch in der Kreisliga wieder gekickt werden darf“. Nun bin ich aber nicht alle. Und rational muss ich sagen: „Macht weiter mit Bundesliga. Bald“! Oder, wie man in NRW sagen würde: Laschet die Spiele beginnen.

Es ist richtig, dass das irgendwie scheiße aussieht, wenn alle anderen Sportarten die Saison für Monate auf Eis legen oder abbrechen, während die Bundesliga bald wieder starten will. Aber Fußball ist einem Vergleichsmodell längst entwachsen. Profi-Fußball ist die einzige Sportart, die einen deutlich finanziellen Nutzen von Geisterspielen hätte. Die DEL oder die Handball-Bundesliga, die nur geringe TV-Gelder beziehen, wissen selbst, dass das ohne Zuschauer nicht aufgeht. Gleiches gilt übrigens auch für Teams der 3. Liga, deren Etat stark an Zuschauereinnahmen gekoppelt ist. Profi-Fußball ist ein globaler Big Player, an dem auch tausende Arbeitsplätze und Steuermilliarden hängen. Er erfährt gerade keine plötzliche Sonderstellung, er hat sie schon seit Jahrzehnten. Aus dem selben Grund bekommt gerade Adidas ohne Probleme Milliarden-Kredite von der KfW, während ein kleiner Selbständiger erstmal die Kohle aufbrauchen muss, die er für die Rente angespart hatte. To big to fail. Gerecht ist das nicht, aber auch nicht neu.

Diskussion über Systemrelevanz ist überflüssig (geworden)

Noch vor vier Wochen gab es gute Gründe dagegen. Aber während in NRW die IKEAs wieder öffnen, Köln einen verkaufsoffenen Sonntag plante und sich in Dresden Leute ohne Maske in engen Menschenschlangen Löcher in den Bauch standen, damit sie an Gratis-Schutzmasken kommen, gehen mir als Gegner die Argumente so langsam aus. Das Risiko einer Infizierung für 800 isolierte Sportler liegt deutlich unter dem einer Verkäuferin bei Kik, die nach einer Infektion auch noch schnell zum Superspreader werden kann. Ein Kameramann arbeitet im Stadion nicht anders als er es gerade bei einer TV-Show machen würde, ein Securitymann steht gerade sicher lieber im leeren Block als bei Norma an den Einkaufswägen. Solange IKEA und Co. öffnen, müssen wir über „Systemrelevanz“ nicht mehr diskutieren. Zumal Bundesliga sicher für Millionen von Menschen mehr bedeutet, als ein Shirt für 2,99 oder einen 100er-Pack Teelichter shoppen zu dürfen, die man auch online hätte bestellen können.

Die Bundesliga ist mehr als eine Sportart. Sie ist eine Firma mit 36 Tochtergesellschaften, ein Unterhaltsformat wie „Wetten Dass“, „Schlag den Raab“ oder Formate wie Lets Dance, die gerade auch ohne „Publikum“ produzieren. Es gibt – vom Körperkontakt der Akteure abgesehen – keinen Unterschied zwischen der Produktion einer Show, bei der Motsi Mobuse & Jorge Gonzales gegen Thomas Gottschalk und Barbara Schöneberger antreten. Eine Isolation von Spielern und Personal sind bei der geringen Anzahl an Beteiligten problemlos möglich. Dennoch gibt es wichtige Punkte, die beachtet werden müssen: Kein Spieler darf gezwungen werden, zu spielen. Test-Kapazitäten dürfen nicht knapp werden, weil die Liga testen muss. Beim ersten Fall in einem Team muss sofort abgebrochen werden. Fans müssen sich diszipliniert verhalten – keine Aufläufe am Stadion, keine Privat-Partys. Ich habe schon keine Ahnung mehr, welcher Spieltag der nächste wäre, aber mir fällt dann rational nichts mehr ein, was ihn verhindert könnte – von einem neuen Lockdown mal abgesehen.

Ich hab keinen Bock auf Geisterspiele. Die neuesten Prognosen sagen aber auch, dass das mit Corona noch bis 2022 Thema sein wird, wenn kein kleines Wunder kommt. Wir werden uns daran gewöhnen müssen: Keinen Bundesliga-Fußball oder Geisterspiele. Ich brauche die Geister-Nummer wirklich nicht, aber sage dennoch: Lasset die Spiele beginnen.


Von Thomas Poppe
(wird ab sofort noch stärker isoliert, Anm. d. Red.)

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