Sind wir mal ehrlich, wir alle haben mal ein Foto gepostet oder einen Tweet verfasst, der uns am nächsten Tag oder ein paar Wochen später echt unangenehm war. Unser Head of Humor Thomas Poppe blickt mit Schamesröte auf seine Kolumne aus dem ersten Drittel dieser Bundesliga-Saison, in der er einer Legende seines Lieblingsvereins die einstige Qualität absprach. Eine Entschuldigung.


Im Oktober 2019 schrieb ich Thomas Müller in die Fußball-Rente. Vom geliebten Sakko von der Kommunion, welches mit tollen Erinnerungen im Schrank hängt und nicht mehr am Zahn der Zeit ist, war die Rede. Coutinho größer Müller. Zwei Monate später saß ich in der Allianz Arena und sah sabbernd, wie der Brasilianer mit drei Tore und zwei Vorlagen eines der besten Spiele seiner Karriere machte. Das ist die Bayern-Zukunft und bei mir konnte man es zuerst lesen, dachte ich mir. Heute, neun Monate und eine Pandemie später, ist Müller Rekord-Vorbereiter der Bundesliga. Nicht dieser Saison, sondern jeder Saison. Mir bleibt deswegen nur eine Sache zu sagen: „Sorry, Thomas! War blöd, hab ich selbst gemerkt!“

Der Fairness halber muss man anmerken, wie es in München im Herbst 2019 aussah. Mit Blick auf die 18-1-0-Bilanz seit diesem Werder-Spiel im Dezember, fällt es schwer zu glauben, dass dasselbe Team zu Hause gegen Hoffenheim verlor, in Augsburg 2:2 gespielt hatte und in Frankfurt 1:5 weggefidelt wurde. Und zwar nicht unglücklich, sondern verdient. Mitten in dieser Krise entbrannte ein öffentlicher Streit zwischen den Müllers und Niko Kovac. Lisa Müller schoss auf Instagram schärfer gegen den Bayern-Trainer als Thomas auf dem Spielfeld und der Kroate goss Öl ins Feuer, als er Müllers Hoffnung auf einen Startelfeinsatz mit „Wenn Not am Mann ist“ bewertete. Mehr FC Hollywood war lange nicht. Ein Winter-Wechsel schien möglich.

Video: Thomas Müller veröffentlicht Statement auf Twitter

Ich war genervt, weil Müller nicht zum Wohle der Mannschaft ins zweite Glied ging. Ich fand es respektlos, wie ein Spieler sich so wichtig nehmen und gegen einen Trainer stellen kann. Ich war guter Dinge, Coutinho würde einschlagen. Und ich war traurig, weil ich eigentlich gerne einen FC Bayern mit Thomas Müller in der Startelf gehabt hätte und ihn jetzt schon irgendwo in England unter Mourinho auf der Tribüne und dann zum Karriere-Ausklang in den USA gesehen hatte, wie es schon bei Bastian Schweinsteiger der Fall war.

20 Vorlagen sind es jetzt. In Worten: Zwanzig. Ein grandiose Zahl. Aber mein „Sorry!“ bezieht sich auf so viel mehr. Seit Hansi Flick am Ruder ist, ist Thomas Müller wieder der, den man über Jahre als Fußballer kopfschüttelnd geliebt hatte. Der „Raumdeuter“, wie er sich 2011 selbst bezeichnete, der aber eigentlich noch so viel mehr ist. Der, der eine Chance mit einer Bewegung einleitet, die aussieht, als hätte er sich gerade das Kreuzband gerissen. Der, der plötzlich da steht, wo es kein Lehrbuch und keine Taktiktafel vorgegeben hätte. Hätten der Verstand und der Instinkt ein gemeinsames Kind – es wäre der Fußballer Thomas Müller. Nicht nur der Bayern-Spieler. Auch der Nationalspieler. Der Thomas Müller im Dirndl, der Thomas Müller, der sich beim Freistoßtrick auf die Nase legt, der Thomas Müler mit 100 Länderspielen Erfahrung, 10 WM-Tore bei nur 2 ½ Turnieren.

Selten habe ich mich lieber geirrt, als bei meinem Text im Oktober 2019. Aus dem Stimmung-Macher ist wieder ein Stimmungsmacher geworden. Aus einem Winter-Wechsel ein Rentenvertrag und aus Platz 7 ein souveräne Meisterschaft. Auch wegen 20 Vorlagen und sieben Toren von Thomas Müller. Schäme ich mich für den Müller-Text und den Sakko-Spruch? Natürlich nicht! Es war meine Bewertung der Dinge mit dem Wissen von damals. Stand jetzt ist der Text wirklich schlechter gealtert als die Symphathiewerte von Clemens Tönnies auf Schalke. Ich rede mir ein, Thomas Müller hätte damals den Text gelesen und war seither besonders motiviert. „Hinterher ist man immer schlauer“, heißt es. War blöd, hab ich selbst gemerkt. Vielleicht kapiert es Jogi ja auch noch.


Von Thomas Poppe
(Rentenvertrag bei FUMS, hinterher ist man immer schlauer, Anm. d. Red.)

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