Baumanns klares Manko ist aus meiner Sicht der Mangel an Inspiration, Dinge alternativ anzugehen, zu antizipieren und den übernächsten Schritt einer Entwicklung zu sehen anstatt immer nur den nächsten. Dieses Manko muss kein persönliches sein – vielleicht ist es eines der Biographie. Wie soll einer frischen Input generieren, der den Radius der Werder-Familie nicht mehr verlässt? Richtig.

Fairerweise sollte man an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass der gesamte Verein ein Defizit an Einfluss und Perspektive von außen zu verzeichnen hat. Das geschäftsführende Personal, Teile des Aufsichtsrats und die entsprechenden Abteilungen in deren Fahrwasser bilden da keine Ausnahmen. Ich sehe da teilweise kompetente Menschen bei der Arbeit, deren Wirkungskreis im eigenen Brei aber natürlich Grenzen hat. Fortbildungen und Kongresse können da immer nur das Klappern zum Handwerk sein – eine nachhaltige Entwicklung aber nur bedingt befeuern.

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Dieser Verein analysiert in dieser Woche sich selbst. Was war? Wie konnte es soweit kommen? Und vor allem: Was wird sein? Darf man ihm zutrauen, diese absolut desaströse Saison als das Signal zu werten, das es ist? Ich glaube nicht einmal, dass zwangsläufig Fischköppe rollen müssen, wenn man im gleichen Zug nicht die wahren Probleme erfasst. Wenn die ausgemachte Lösung am Ende heißen wird „Kaderzusammenstellung war das Problem“, dann ist Hopfen und Malz vermutlich eh verloren.

Werder Bremen sollte sich schütteln verinnerlichen, dass es so nicht weitergeht. Die These, dass eine Mannschaft unten auf dem Platz am Ende nur so gut sein kann, wie ihr Umfeld, hat nicht nur für den HSV Bestand. Ein harter Vergleich für alle Bremer, aber meine Bereitschaft, erste Parallelen weiter zu ignorieren, hält sich aktuell in Grenzen. Wenn die Vereinsbosse nach abgeschlossener Analyse ihre Ergebnisse präsentieren, darf ein „weiter so“ nicht ansatzweise Element der Lösung sein. Man muss Wege finden, das eigene Schaffen weiterzuentwickeln und zu veredeln. Raus aus dem eigenen Saft, raus aus der Wagenburg und raus aus der Werder-Starre. 

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Die Marke Werder Bremen hat eine überregionale Bedeutung – Generationen von Fussballfans (auch anderer Vereine) verbinden mit Werder große Fussballabende, spektakuläre Ergebnisse, abenteuerlicher Wendungen und diese eine große Portion Mut. Diese öffentlich wahrgenommenen Eigenschaften zu verschludern, ist fahrlässig und satt. Werder ist aktuell der satteste Verein unter den erfolgslosen.

Der Zeitpunkt für echte Reformen ist gekommen, vielleicht der für eine kleine Revolution. Ob diese Revolution personelle Opfer fordert, hängt von den Ideen und der Inspiration der handelnden Personen in dieser Situation ab. Werder Bremen kann ein moderner, offener Vereine sein, bei Wahrung der essentiellen, traditionellen Elemente. Und das in jeder Liga! Es geht um mehr als den sportlichen Erfolg, der sich aus meiner Sicht in irgendeiner Form sowieso einstellen wird, wenn man jetzt mit Energie, Fachkompetenz und Mut die nötigen Schritte einleitet.

Werder kann die Talfahrt auf ganzer Linie fortsetzen und zukünftig mit allen Mitteln Jahr für Jahr gegen Übermacht, ungleiche Verhältnisse und Plastikklubs kämpfen… oder Werder kommt zu sich selbst, zeigt eine große Vision und macht sich als Klub, Marke und Lebensinhalt vieler Menschen zur etwas eigenständigem und wirklich großem. Werder, hör‘ die Signale!


Von Lars Kranenkamp
(hat offenbar noch nix von unserer Zeichenbegrenzung für Texte gehört, Anm. d. Red.)

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