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Im Januar wechselte Gosens von Atalanta Bergamo zum Ligarivalen Inter Mailand. Ein lukratives Angebot von Newcastle United lehnte er zuvor ab. In einem exklusiven Kicker-Interview sprach Gosens über den Transferwahnsinn im Januar, seinem Lebenstraum, bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein und, warum er dennoch mit einem mulmigen Gefühl nach Katar fliegen wird.


Newcastle lockte mit Geld, Inter mit Erfolg

Klassisch, wie in der Schule früher, legte Gosens in diesem Winter eine Pro-und-Contra-Liste an. Die Schulbank drückt er aber schon lange nicht mehr, es ging um etwas anderes. Er schrieb Argumente für und gegen einen Transfer zu Newcastle United in die englische Premier League auf. Dass die Magpies seit der Übernahme aus Saudi-Arabien ihre Konkurrenz vor allem mit hohen Ablösesummen und gut dotierten Verträgen ausstechen möchte, haben sie sich in den vergangenen Monaten nicht nur auf die eigene Fahne geschrieben, sondern regelrecht zelebriert. Es ging auch in seiner Liste um viel Geld.

Auf der Pro-Seite standen bei ihm die Premier League und eben ein finanziell lukratives Vertragsangebot. „Ich hätte mit diesem Geld wahrscheinlich noch ein paar Generationen meiner Familie absichern können“, verriet der deutsche Nationalspieler dem Kicker. Was auf der Contra-Seite stand: der sportliche Erfolg – und dafür hätte er wohl nicht mal die Liste benötigt. Newcastle United ist vom Abstieg in die zweite englische Liga bedroht, Inter spielt in der Serie A um den zweiten Scudetto in Folge. „Ich möchte nach meiner Karriere gerne in den Spiegel gucken und sagen können: ‚Ich habe sportlich das Maximale aus meiner Karriere geholt.‘ Bei Newcastle hatte ich dieses Gefühl von Anfang an nicht„, sagte der Außenverteidiger und entschied sich letztlich für Inter.

Robin Gosens plädierte aber auch für mehr Verständnis, sollten sich Spieler für so ein Angebot entscheiden: „Zeigt mir jemanden, der da einfach ‚Nein, danke‘ sagt.“ Am Ende ging es für ihn auch um die Werte, die er selbst vertritt. „Ich kann verstehen, dass manche Leute mir vorgeworfen haben oder hätten, meine Prinzipien zu verraten. Das war auch einer der Gründe, warum ich das Angebot abgelehnt habe“, sagte der 27-Jährige, an dem Inter schon im vergangenen Sommer Interesse zeigte, daraus aber nichts wurde. Umso überraschter war Robin Gosens über das Angebot von rund 25 Millionen in diesem Winter trotz seiner anhaltenden Oberschenkelprobleme.

Für Gosens und Atalanta eine Win-Win-Situation

Er war aber auch von seinem alten Arbeitgeber Atalanta Bergamo verwundert. „Warum jetzt? Warum im Winter?“, fragte er den Vereinspräsidenten Luca Percassi. Seine einfache Antwort: „Du hast dich für den Verein eingesetzt, hast immer alles gegeben. Jetzt kam dieser Top-Verein – und wir haben dich ziehen lassen, weil wir dir das von Herzen gönnen.“ In der Tat konnte Gosens in den Saisons davor und bei der EURO 2020 auf sich aufmerksam machen und mit guten Leistungen überzeugen.

Bei Inter Mailand setzt sein neuer Trainer Simone Inzaghi voll auf ihn: „Er meinte noch, dass Inter auf der linken Seite Verstärkung gesucht hat und er schon länger findet, dass ich die Idealbesetzung für die Position bin.“ Im Sommer 2017 wechselte Gosens für rund eine Million vom niederländischen Klub Heracles Almelo zu Atalanta. Jetzt generieren die Bergamasken ein Vielfaches davon – für beide Seiten also eine Win-Win-Situation.

WM 2022 in Katar: Lebenstraum und getrübte Vorfreude

Aktuell befindet sich Robin Gosens noch in der Reha und arbeitet auf sein Debüt bei Inter hin. Im November steht nach der Europameisterschaft vergangenen Sommer auch schon die WM in Katar vor der Tür. Wenn alles gut läuft, hätte Gosens gute Chancen, sich einen Traum zu erfüllen. „Eine WM ist für mich das Allergrößte, wirklich. Ich lüge nicht, es gibt nichts Größeres. Es ist der größte Traum meiner Kindheit, und ich habe, Stand jetzt, realistische Chancen, dabei zu sein“, sagte er und vergisst dabei aber auch nicht die Umstände des Turniers: „Auf der anderen Seite weiß man einfach um die vielen kritischen Themen abseits des Fußballs.“

Das trübt nicht nur die Vorfreude, sondern ändert auch den Blick auf das Großereignis von seiner Seite, auch wenn es sein großer Traum ist: „Ich befinde mich in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite geht es um meinen großen Kindheitstraum und diese vielleicht einmalige Chance, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen. Aber ausgerechnet jetzt ist dieses Turnier in Katar, und man kann sich nicht so richtig darauf freuen, weil so viele andere Themen eine Rolle spielen, die mich tangieren. Dass man auf eine WM nicht voller Vorfreude hinfiebern kann, finde ich wirklich bitter.“

Auch hier geht es um viel Geld. Einen Boykott schließt er zwar aus, seine Pro-und-Contra-Liste sich gegen eine WM in Katar zu entscheiden, könnte aber ähnlich ausfallen wie die Entscheidung, nicht zu Newcastle United zu wechseln. Doch jetzt steht erstmal die sportliche Entwicklung für ihn im Mittelpunkt.

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