Martin Hinteregger polarisiert. Wie kaum einem anderen nimmt man ihm ab, dass er den Fußball und seine Fans wirklich liebt. Seine klaren Worte sind im Bundesligazirkus echt erfrischend. Frankfurt liebt ihn sowieso, aber manchmal braucht auch Hinti ’ne Notbremse – auf dem Platz und vor allem vor den Mikros, findet FUMS-Zirkuspferd Solveig Haas.


Fußball, das bedeutet gerade vermissen. Wir vermissen, wie es früher war, alle miteinander. Die Fans vermissen ihre Spieltagsrituale, die Tage im Stadion, die Freund*innen und das gemeinsame Unterstützen der Mannschaft. 

Die Spieler*innen vermissen das Gleiche – nur eben von der anderen Seite. Wir alle schränken uns ein und müssen verzichten, wenn auch auf unterschiedliche Weise. So manche*r vermisst auch die körperliche Auseinandersetzung mit den gegnerischen Fans – in einem gewissen Rahmen ist sogar das vielleicht legitim. Doch wie sich SGE-Profi Martin Hinteregger nach dem Spiel gegen Leverkusen zu eben jenen (möglichen) Auseinandersetzungen (Reminder: Wir befinden uns inmitten einer Pandemie) äußerte, veranlasst mich zu einer Art offenem Brief.

Lieber Hinti,
nein, es ist ernst: Lieber Martin Hinteregger. 

Du bist Eintracht Frankfurt durch und durch, das mögen wir sehr. Du sagst, was du denkst und nimmst kein Blatt vor den Mund, auch das ist erfrischend. Und darüber, wie du den Frankfurter Strafraum aufräumst, müssen wir eh nicht reden. 

Aber die Sache ist: Du holst dir regelmäßig eine Karte dafür ab, wenn du auf dem Platz über die Stränge schlägst und gut ists. Wenn du jetzt, während einer globalen Pandemie, sagst, dass es schon okay ist, wenn sich Fans gegnerischer Mannschaften in großen Gruppen vor dem Stadion treffen, dann hat das leider andere Konsequenzen. 

Ich finde es schwierig, Fußballspieler*innen in eine pauschale Vorbildrolle zu zwingen. Da wird euch oft zu viel aufgebürdet, zu viel Verzicht und Vernunft verlangt. Aber jetzt befinden wir uns gerade alle in einer Extremsituation. Wir müssen alle denselben Sturm aushalten, auch wenn wir in sehr unterschiedlichen Booten sitzen. Der Fußball hat in diesem Sturm eine Sonderrolle erhalten, ihr sitzt quasi auf einem scheinbar unsinkbaren Schiff, das niemand anderes betreten darf – was ohnehin schon kaum zu rechtfertigen ist. 

Deshalb ist es auch nicht zu rechtfertigen, sich dieser Tage in Gruppen vor den Stadien zu treffen. Es ist verständlich. Wir alle lieben den Support, wir bekommen Gänsehaut, wenn wir die Gesänge hören, wir wären gerne dort bei unserer Mannschaft. Aber es geht nicht. Solidarität ist gefragt und womöglich auch noch zu Auswärtsspielen zu fahren, um als Gruppe vor dem Stadion zu stehen, ist ganz weit weg von Solidarität. 

Dabei geht es gerade mal nicht um „Kloppereien“, wie du es nennst. Ob es die in Leverkusen gab, ob sie überhaupt das Ziel waren, ist ohnehin fraglich. Und zu denen kann man deine „Wenn beide es wollen“-Meinung von mir aus vertreten.

Aber nicht zu den Pandemie-Maßnahmen, die der Fußball ohnehin schon bis zum Zerreißen dehnt. Darum geht es. Denn mit deiner Aussage, die du vor dem Mikrofon eines TV-Senders mit Millionenreichweite machst, spielst du gleichzeitig denen in die Hände, die die Sonderrolle des Fußballs hart verurteilen und denen, die die Pandemieregeln ohnehin für sinnlos oder gar schädlich halten. Es ist eben nicht „schon okay, wenn beide das wollen“, wenn außer den beiden noch viele andere Menschenleben daran hängen. 

Man hätte dich das nicht fragen dürfen – stimmt. Man hätte dich auch nicht antworten lassen dürfen – stimmt auch. Aber in erster Linie hättest du das nicht sagen dürfen, als Führungsspieler eines Vereins, der sich seiner Sonderrolle in der Pandemie sonst sehr bewusst ist. Im Moment braucht es nämlich wirklich Vorbilder, wir tragen alle ein bisschen mehr Verantwortung als sonst. Und was diese besondere Verantwortung in der Pandemie angeht, ist diese Aussage ’ne klare rote Karte. 


Von Solveig Haas
(trägt hier viel zu viel Verantwortung, Anm. d. Red.)

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Lob, Kritik, Feedback, User-Meinung, Lottozahlen:

  1. Nicht ohne Grund sind solche Schlägereien strafbar (§ 231 StGB) und nicht einwilligungsfähig. Unkontrollierte Kämpfe zwischen größeren Gruppierungen bergen immer das Risiko, dass die Situation eine Eigendynamik entwickelt und es bei einzelnen Teilnehmern zu schwersten Verletzungen kommt, trotz aller ggf. im Vorfeld festgelegter Regeln. Außerdem ist in der Regel gerade nicht auszuschließen, dass Dritte in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch in den einschlägigen Gruppen befinden sich nicht nur hartgesottene Schläger, die die möglichen – mit der Teilnahme an einer Schlägerei einhergehenden – Risiken erkennen, für sich abwägen und sich dann entschließen, sich in die Gefahr zu begeben, weil für sie der Nutzen martialischer Rituale überwiegt. Stattdessen gibt es auch hier stets Gruppendynamiken und es mag Teilnehmer geben, die vor allem aufgrund falscher Solidarität zur Gruppe oder dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit teilnehmen. Das ist sowieso nicht auszuschließen, aber umso salonfähiger man diese Art von hinterwäldlerischen Stierkämpfen macht, desto niedriger wird die Hemmschwelle.
    Martin Hinteregger zeigt erneut, dass seine Popularität vor allem daher rührt, dass er die Dinge sagt und tut, die man sonst im eintönigen Geschäft Fußball selten sieht oder hört. Dass man einige dieser Dinge nicht sieht und hört, weil die übrigen Akteure sich vorher einen Augenblick Zeit zum Reflektieren über die eigene (Vorbild)Rolle und zum Nachdenken über die generelle Thematik nehmen, dürfte auch in Zukunft wünschenswert sein und auch ein Martin Hinteregger sollte sich wenigstens in Grundzügen seiner Rolle bewusst werden. Oder möchte er seinen (jungen) Fans vermitteln, dass Schlägereien zwischen Hooligan-Gruppierungen als Form der Unterstützung eines Fußballvereins salonfähig sind?

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