Konsumiert ihr privat noch viel Fußball oder seid ihr eher der Koch, der zu Hause keine Lust mehr hat, auch noch in die Küche zu stehen?
Uli: Die Frage stellt sich gar nicht, weil ich keine Zeit habe. Was ich mir gönne, da fährt auch der Zug drüber, privat im echten Leben, ist Inter Miami. Aber das war es dann nicht – der Rest ist Erkenntnisgewinn, damit ich weiter im Thema bleibe.

Joachim: Bei mir ist es ähnlich. Fußball ist allgegenwärtig, weil man immer liest, immer notiert und ordnet. Aber kurioserweise, wenn wir mal Fußball nicht kommentieren, spielen wir es auf der Konsole. Die Highlights sind dann mit Sicherheit, wenn ein Kumpel oder Uli kommt und wir schauen gemeinsam. Ansonsten schau ich schon, dass immer irgendwo ein iPad liegen zu haben, wo das Spiel läuft – ob es dann still ist oder nicht – ich will schon sehen, was los ist.

Uli: Ich mache die Champions League und die Europa League, zum Beispiel dienstags und donnerstags. Dann lass mich in Frieden damit.

Andere Kollegen von euch machen auch andere Dinge. Frank Buschmann zum Beispiel kommentiert Ninja Warrior und FIFA, bei Schlag den Star gibt es auch Kommentatoren. Reizt es euch, auch mal Sonja Zietlow gegen Jürgen Milski beim Eisstockschießen zu machen?

Uli: Wenn das Angebot gut genug ist, mache ich alles (lacht). Nein, prinzipiell gibt es noch Dinge, die wir uns vorstellen können. Irgendwann würde ich gerne mal der Kommentator bei FIFA oder einem Boxspiel sein. Ob ich jetzt Pfannkuchenwettessen machen muss? Das können andere besser. Da würden auch alle inhaltlich irren, die mich da hinsetzen. Was ich tatsächlich gerne mal tun würde – auch vielleicht nur einmal und nie wieder – ist Wrestling kommentieren. Nur, um es abgehakt zu haben. Das können andere auch bedeutend besser, aber ich würde es gerne mal gemacht haben.

Joachim: Meine Lehrerin hat zu mir als Kind schon gesagt: ´Musst du immer alles kommentieren?‘ und die Antwort war damals schon ‚Ja!‘. Wenn es etwas Charmantes ist, wieso nicht?

Könnt ihr Fußball noch als Fans genießen, ohne auf das Handwerk des Kommentators zu schauen?
Uli: Böse Zungen würden behaupten, wir sind nichts anderes als Fanboys. Mich interessiert natürlich, was die Kollegen machen. Der kleine Kommentator guckt immer mit, der sagt ‚Warum sagst du nicht das?‘. Das bekommt man nicht raus, weil das nicht nur Beruf ist, sondern auch Leidenschaft. Das wir nie wieder passieren in meinem Leben, dass ich ein Sportevent als stinknormale Person anschaue und mich einfach berieseln lasse. Das ist leider nicht mehr drin.

Joachim: Unser Professor hat damals gesagt ‚Wenn Sie ins Fernsehen wollen, werden Sie nie wieder normal Fernsehen schauen können, wie sie es selbst machen“. Das ist so. Wenn du Pizzabäcker bist und gehst in eine andere Pizzeria, schaust du auch viel eher darauf, was du anders gemacht hättest. Das gehört dazu, aber wir sitzen jetzt nicht da und schimpfen, es ist eher ein Erkenntnisgewinn.

Wo kann die Kommentatoren-Welt noch dazulernen? Uns fällt unter anderem immer mal auf, dass es beispielsweise in strittigen Szenen hier und da gerne mal an der Regelkunde zu fehlen scheint…
Joachim: Ich hatte das vor Kurzem erst: Du hast eine Situation, schätzt sie falsch ein und eine Sekunde später fällt es dir auf und du denkst dir ‚Mist! Eigentlich total richtig, der Gedanke war falsch, ich habe einen Gedanken übersprungen!‘ Das kann passieren auf Sendung. Das Problem ist nur, dass meist das Erste, was du gesagt hast, hängen bleibt. Dieses ‚Ja, der hat ja…‘. Meistens ist die Redaktion dahinter und sagt es dir sofort. Punkt Zwei ist aber auch: Du hast als Kommentator so viel zu tun auf so vielen Ebenen. Du bereitest dich vor, googelst jeden Spieler, die Mannschaft, Statistiken auf beiden Seiten und dann fällt vielleicht was runter, der Regelkatalog liegt nicht da. Wir bekommen Schulungen vor der Saison. Jeder hat es mal gehört, aber dann hast es mal kurz vergessen und bist der, der auf Sendung dabei erwischt wird. Dann heißt es „Du hast das nicht gewusst“ und alle sind schnell da. Da hat einer dann gestern noch beim Kicker einen Artikel über die neue Auslegung von Handspiel gelesen. Gehört habe ich das auch schon, aber wenn du es 17 Mal nicht kommentieren und es dann beim 18. Mal in drei Sekunden einschätzen musst, dann ist das schwierig. Das immer gleich abzurufen, ist halt schwierig. Ich will keinem unterstellen, dass einer, wenn die Regelkunde stattfindet, den Kopf abschaltet.

Uli: Ich mach es meta: Was Kommentatoren lernen können, ist eine gewissen Wurstigkeit gegenüber Trollen und Social Media. Das bedeutet zeitgleich auch, dass sie sich nicht so wichtig nehmen würden und dem eigenen Seelenleben helfen, weil es einfach irrelevant ist, was Max143 aus Münster über die Namensaussprache eines senegalesischen Junioren-Nationalspielers denkt.

Wo wir gerade dabei sind: Internet – Fluch oder Segen für euch als Kommentatoren?
Joachim: Ich habe kürzlich Manchester United kommentiert. Da schreiben dann 50 Leute ‚Du hast das super gemacht‘. Wenn ich jetzt sagen würde, das würde mich nicht positiv berühren, das wäre falsch. Dann schreibt einer: ‚Du hast den Spieler falsch ausgesprochen‘, dann neigt man dazu, das überzubewerten. Im Grunde ist es schon gut, finde ich. Wenn man mal überlegt – als ich ein Kind war – ich hätte getötet, um meinem Lieblingskommentator einen Brief zu schreiben und mit ihm in Kommunikation zu treten. Das war damals nicht möglich und viele sagen ‚Cool, dass du dir Zeit nimmst und antwortest‘ und stellen Fragen, wie ‚Wie wird man Kommentator‘. Uli hat Recht: Man darf es nicht so hoch hängen. Und man darf sich auch nicht darin verlieren, denn wenn man nur im Internet hängt, dann droht es deine Welt zu werden. Ich mahne nur auf beiden Seiten der Schnur zu einer gewissen Umgangsform. Die Empörung geht mir manchmal zu weit. Als das Internet erfunden wurde, dachten alle, jetzt käme der Weltfrieden…

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