Uli: Vergiss es! Das ist ja der Punkt. In den Kommentarspalten schaust du immer auch in die Hölle. Wenn du viel sendest, muss dir klar sein, dass nicht alle konform sind mit dem, was du machst und das eigene Bild zu kontrollieren ist unmöglich. Und das ist auch überhaupt nicht erwachsen. Ich kann nicht absehen, wie Äußerung X oder Y ankommt und es ist mir auch ehrlich gesagt völlig egal. So nutze ich das Internet und die Netzwerke nicht für mich. Wenn jemand mich maßregeln will, soll er es halt tun. Wenn jemand mir ernsthaft inhaltliche und sachliche Kritik gibt, äußere ich mich qua meines Berufes und gebe ihm gerne eine Antwort. Wenn jemand nur schreibt ‚Du HS‘, dann haben wir keine Grundlage.

Joachim, du hast gerade vom Jugendtraum und dem Kontakt mit Idolen gesprochen. Uli hat 2019 mit Fritz von Thurn und Taxis kommentieren dürfen. Das war ja schon Next Level. Gibt es noch Namen bei euch, wo ihr sagt: Ja, da würde ich gerne mal daneben sitzen…?
Joachim: Da gibt es viele. Wolff Fuss, mit dem ich auch an der Uni schon zu tun hatte, Kai Dittmann oder ein Carsten Fuß zum Beispiel. Das habe ich ihm auch schon mal gesagt, dass er für uns prägend war. Die ganze Ran-Generation. Das sind große Namen und ob man neben ihnen sitzen darf, ist eine andere Frage. Aber wir wollten so sein wie sie und das waren unsere Superhelden.

Uli: Allein die persönliche Perspektive macht Fritz zu einer besonderen Geschichte, die nicht replizierbar ist. Dafür bedeutet er mir – sowohl als Kommentator, aber auch als Freund und es ist immer komisch das so zu sagen – zu viel. Natürlich gibt es immer Kollegen, bei denen man nicht weiß, ob es dann auch so passen würde. Einer davon ist hier beim Interview dabei und das muss auch irgendwann möglich gemacht werden. Die Welt ist vielleicht noch nicht bereit dafür, aber wir haben vielleicht 2020 dazu gelernt.

Wenn man euch Kommentatoren als Fan so sieht, dann seid ihr irgendwann einfach da. Der Weg bis dorthin, den sieht man als Konsument nicht. Bei Florian Schmidt-Sommerfeld hat man es ein wenig mitbekommen weil er gecastet wurde. Was sagt ihr jungen Leuten, die heute sagen: Ich will das werden, was ist der richtige Weg? Eher Twitch-Kanal oder eher Volontariat?
Uli: Es gibt nicht ‚Den einen Weg‘. Ich arbeite ja auch mit Studenten zusammen an der Hochschule, wo ich das Fach ‚Liveberichterstattung‘ unterrichte und denen ich das Handwerkszeug vermitteln möchte. Die sind natürlich bis dahin schon einen sehr geraden Weg gegangen in Richtung Sportjournalismus. Das mag sicher sinnvoll sein. Aber der Tipp, den ich ihnen trotzdem mitgebe ist ‚Eigne dir alles, was du dir aneignest, auf dem Wege der Begeisterung an.‘ Wenn das der Fall ist, funktioniert es. Einen rein theoretischen Weg vorzugeben mit Gymnasium, Praktika, Volonariat und Redakteursstelle, ist kein logischer vorgezeichneter Weg. Das hat auch viel mit Eignung, Talent und Persönlichkeit zu tun. Irgendwie musst du da mal dahin kommen, jemandem etwas zu zeigen und der muss dir vertrauen, dass das Potential da ist. Dann hast du eine Chance und die musst du auch noch nutzen. Die Antwort ist immer blöd, man wird das des Öfteren gefragt. Es gibt 80 Wege, wenn du 80 Kommentatoren fragst.

Joachim: Er hat Recht. Ich will nur einen kleinen Kniff dazu hängen. Man muss hartnäckig bleiben. Wenn der eine Weg nicht zu Ziel führt, dann nicht direkt sagen ‚Das war es jetzt, Ciao!‘ Du musst dran bleiben und die Leute nerven. Das war bei mir auch so. Der Chef, der mich als erstes abgelehnt hat, ist der, der mir jetzt die meisten Spiele gibt. Du musst einfach dran bleiben, arbeiten, arbeiten, Stimme verbessern, Beiträge machen, sich selbst aufzeichnen, vergleichen mit anderen und dann kann das etwas werden. Es gibt überall im Freundeskreis Leute, die es gerne werden wollen – bei mir in der Klasse gab es drei Leute, die das erzählt haben. Ich hab es aber nicht gesagt, weil ich wusste, dass ich es werden will. Ich war hartnäckiger, habe hart daran gearbeitet. Wenn du es willst, dann musst du es tun. Das ist im Leben aber immer so und hier es noch so, dass es diesen vorgezeichneten Weg gibt, wo du sagen kannst ‚Ich mach jetzt eine Ausbildung und dann bist du ausgebildet und jemand nimmt dich‘.

Die Feiertage sind für euch gleich in doppelter Hinsicht welche – der Boxing Day steht an. Wie groß ist die Vorfreude?
Joachim: Ich habe die große Ehre, das nicht nur kommentieren zu dürfen, sondern auch den ganzen Tag mit Florian Schmidt-Sommerfeld im Studio als Experte sitzen zu dürfen. Als Kinder haben wir da gehockt und haben gefühlt den ganzen Tag den Fernseher umarmt. Und jetzt sitzt du da und bist der Experte. Und die Begründung war, weil keiner diese Faszination Boxing Day besser rüber bringen kann als du. Ich glaube, mehr Lob kann man nicht bekommen und das nehme ich auch als Aufgabe mit. Ich hab gesagt, ich will auch noch ein Spiel haben weil: Es ist Boxing Day!

Uli, ist da ein gewisser Neid da oder gönnst du dir die 10 Stunden Fußball einfach entspannt?
Uli: Ich bin ja dann nie so ganz unbeteiligt, weil wir inoffizielle Telefonkonferenzen abhalten und dann gibt es ja auch noch einen Podcast, in dem wir das extra verwursten. Für mich ist es auch das erst Mal seit sechs Jahren, dass ich nicht irgendwie aktiv am Boxing Day beteiligt bin, weil ich zumindest die Championship gecovered habe. Deswegen werde ich als Privatperson schauen und lasse es auf mich zukommen. Ich gehe davon aus, dass mich diese Liga, dieser Fußball und dieser besondere Tag fangen. Dann ist es auch mal schön, das von zu Hause zu sehen. Ich arbeite rund herum schon, aber an dem besonderen Tag ist der Uli auch mal wieder 15. Der einzige Unterschied ist, dass damals mein Bruder neben mir saß, es schlechtes Essen gab und wir zu wenig gelüftet haben. Dieses Mal bin ich eben allein und werde vielleicht auch mal lüften.

Joachim, was ist denn der von dir besagte Zauber, hol uns doch mal alle ab!
Joachim: Das Verrückte ist, wenn du das auf der Insel miterlebst. Als wir das erste Mal drüben waren, haben wir erst das Spiel angeschaut und gedacht, wir können uns da in einen Pub setzen oder den Fernseher anmachen und dann schaust du die nächsten Spiele. Aber so ist es in England nicht. Du hast halt meistens nur 1-2 Spiele, die gezeigt werden. So wie das bei uns der Fall ist, dass du alle Spiele sehen kannst, das ist noch mal heftiger. Wenn du das in England siehst, die Leute, die da herumlaufen, die vor den Stadien stehen oder das zu Hause mit der Familie schauen. Das ist einfach nur irre. Dieser eine Tag, wo die ganze Fußballwelt auf England schaut. Besser geht es nicht und wer sich Premiere League-Fan nennt und da nicht schaut, dem nehme ich das nicht ab. Das ist der heißeste Tag des Jahres und da musst du dabei sein. Als die Mail kam „Wer hat denn Zeit über die Feiertage“, habe ich gleich geschrieben ‚So viel wie möglich!‘, weil es geht einfach nicht besser und wenn ich sieben Spiele am Tag habe, ist es mir auch egal.

Die Premier League hat gerade das Experiment mit Zuschauern gewagt – hätte man sich das nicht vielleicht für diesen Tag aufsparen oder es in der jetzigen Situation ganz lassen sollen?
Uli: Man hätte das prinzipiell lassen sollen. Die Zeit ist noch nicht da. Jetzt bin ich kein Virologe – noch nicht mal ein Twitter-Virologe – daher verbietet es sich, zu urteilen und ein Gremium wird sich Gedanken gemacht haben. Nachdem aber vor einer Woche auf- und jetzt wieder zugesperrt wurde, ist der Reim, den man sich darauf machen kann, relativ klar. Es tut weh, aber es ist nicht die Zeit.

Die Liga ist aber auch ohne Fans und volle Bars gerade ziemlich attraktiv. Aktuelle hat man gefühlt noch sieben Teams, die Meister werden könnten. Ist das die spannendste Saison der letzten 10 Jahre?
Joachim: Ich stecke ja so tief drin, dass ich das gerne mal mit einem Schritt zurück und in einem halben Jahr sehen würde. Das war am Anfang schon sehr verrückt, mit verrückten Ergebnissen. Ich glaube, langfristig wird sich das herauskristallisieren, dass wieder zwei Mannschaften oben wegschwimmen. Ob es die gleichen sind, die es die letzten drei Jahre waren, das ist eine andere Frage. Ich glaube, es wird nicht so früh entschieden, wie letzte Saison, aber die großen Teams sind vielleicht wieder da.

Uli: Aber das ist doch die Definition von spannend, dass man nicht weiß, wer wird Meister.

Joachim: Es sind schon auch weiterhin verrückte Ergebnisse da, was auch dem eng getakteten Spielplan geschuldet ist. Auch die Vorbereitungszeit war so kurz, dass du an einem schwachen Tag immer mal eine Mannschaft erwischen kannst.

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