Boa, ey!

Jérôme Boateng ist unter die Magazin-Verleger gegangen. Spätestens seit der Release-Party im P1 – die nach dem German Classico – weiß das wohl jeder. Früher eröffneten FCB-Kicker nach der Karriere Schreibwarenläden, heute gibt’s das zweite Standbein (mega Wortspiel) schon während der Karriere und direkt als eigenes Heft. Unser laufender Lesezirkel Thomas Poppe hat die zweite Ausgabe des Hochglanz-Heftes auf 132 Seiten mal genauer unter die Lupe genommen. Für’s literarische Quartett hat es aber nicht gereicht, soviel sei vorweggenommen.


Vielleicht liegt es daran, dass ich Dorfkind bin. Mein P1 waren Diskotheken wie das Wuzzenstein, bei dem die Türsteher Ritterrüstungen trugen oder der Apfelbaum, in dem der Meter Bier mit 10 x 0,3 Litern für 20€ erhältlich war und man sich um 4 Uhr an einem Holzhüttchen noch schnell zwei Bockwürste reindrückte. Da, wo nach dem Freitagstraining alle gleich rochen, weil das gute Axe Moschus in der Kabine einfach einmal die Runde machte und wo nach dem Sale bei H&M mindestens zwei Leute ein identisches Shirt trugen und es allen egal war. Diese Welt prallte gerade auf das Fashion-Magazin BOA von Jérôme Boateng. Jetzt, zwei Stunden später, muss ich erst mal wieder „down to earth“ kommen, denn: die Inhalte sind nicht mal schlecht, aber eben ganz weit weg von meiner Wirklichkeit.

Auf dem Titel von BOA prangert – natürlich – Jérôme Boateng. Mit Spruch-Tattoo im Gesicht. Style hat er ja, muss man ihm lassen. Wahrscheinlich könnte er mit versehentlich nicht abgeputztem Marmeladen-Fleck an der Backe aus dem Haus gehen und es würde gut aussehen. Das Heft selbst beginnt mit zwei Doppelseiten Werbung. Eau de Toilette – oder wie man hier bei uns sagt „Parföng“. Im Editorial erzählt Boa, was ihm wichtig ist: Leistung, der Siegtreffer in der Nachspielzeit. Bayern-Dusel quasi. Genau mein Humor. Eine kleine Freudenträne kullert über mein Gesicht, als ich Bastian Schweinsteiger neben dem Inhaltsverzeichnis sehe. Ist dann aber doch nur Werbung für Spielhallen. Why Basti, why?

Ein echtes Heft-Konzept ist kaum zu erkennen

Auf sechs Seiten reihen sich drei Zitate und drei Fotos von Promis. So groß, dass man das Gefühl bekommt, dass hier ein Schüler seine 20 Seiten-Strafarbeit schnell zu Ende bringen wollte, indem er die Schriftgröße in Word einfach von Arial 12 pt auf 160 pt umgestellt hat. Es folgen 12 Produkte, die Jérôme selbst ausgewählt hat und „die es sich zu haben lohnt“. Natürlich darf etwas von Balenciaga nicht fehlen. Während bei den EU-Socken (19 Euro) und der Kaffeetasse „Optimist“ (auch 19 Euro) noch die Kosten dabei stehen, ist bei der „Liaison aus Street Style und High Fashion“ der Preis nur auf Anfrage erhältlich. Ich kann mir aber denken, dass man für das Geld einen Leihwagen mieten, auf den 400 Kilometer entfernten Tschechenmarkt fahren und 10 Stück in Fake-Version kaufen könnte – und noch einen Hunni übrig hätte. Im Ernst? Warum kauft man sich für ein Azubi-Gehalt Pullover? Weil man es kann, ja. Aber selbst, wenn ich es könnte, verstünde ich es nicht.

Zwischen Anzeigen für Luxusuhren und dem DFB (war wohl schon Redaktionsschluss, als Jogi zu Besuch kam) dann endlich auch mal Artikel. Drei Fragen an eine Schauspielerin und ein Interview mit David Alaba und Jérôme Boateng. Kurzweilig, das muss man gestehen. Auch das Portrait über Musik-Phänomen Capital Bra lässt sich lesen. Die acht Seiten, auf denen gefallene Sporthelden aufgelistet werden, wirken dann schon arg konstruiert. Buffon? Agassi? Ali? Naja. Trotz des Heft-Mottos „Gewinnen und verlieren“ ist ein richtiges Konzept allerdings kaum zu erkennen. Ein wenig wirkt es, als hätte ein Kind beim Zahnarzt von allen herumliegenden Heften Seite herausgerissen. Warum Atlanta bestimmt, was cool ist, ein Monopoly-Spiel für 13.000 Euro als „Gönnung des Monats“ und überall Klamotten, die wie lockere Freizeitkleidung wirken sollen, aber mehr kosten als mein Hochzeitsanzug und das Brautkleid meiner Frau zusammen.

Themen-Clash deluxe: Street vs. Bling Bling

Nicht, dass das alles keine Berechtigung hätte. Es ist einfach nur so weit weg von meiner Welt, wie der Flughafen in Berlin von seiner Fertigstellung. Ein wenig verwundert es mich dann schon auch, wenn irgendwie in jedem zweiten Text die Straße ein Thema ist, wo in der echten Welt Kids mit kik-Klamotten das Bild bestimmen und hier plötzlich nur Markenware King ist. Während auf der Folgeseite der Ex-Nationalspieler eine Uhr bewirbt, für die die Eltern dieser Kids von der Straße zwei Jahre arbeiten müssen. Als auf Seite 108 dann Herrenhandtaschen Thema sind (Gucci, 1.590 Euro, fotografiert neben Pommes mit Ketchup), landet der Kaffee dann tatsächlich mal fast auf dem Bildschirm, weil ich mir vorstelle, wie einer mit der Handtasche bei Elsbeth im Imbiss eine Currywurst bestellt.

132 Seiten „BOA“ sind es. Für 4,90 Euro. Nichts, was irgendjemandem großartig wehtut. Nichts, was man zwei Tage nach dem Lesen noch weiß. Irgendwo zwischen ausgedruckter Insta-Timeline und Fashion-Bibel für Rich-Kids. Nicht, dass das jetzt verlorene Lebenszeit war, zwei Stunden in diesem Print-Pamphlet zu stöbern. Aber das nächste Mal investiere ich meine 4,90 Euro dann doch lieber wieder in zwei Bockwürste vor der Dorfdisco morgens um 4 Uhr.


Von Thomas Poppe
(im Herzen Bling Bling, optisch glücklicherweise ein Leben lang Street, Anm. d. Red.)