Danke für nix, ihr WM-Kaputtmacher

Poppe wieder! Die Fußball-Weltmeisterschaft geht in die heiße Phase, aber unser Golden Boy Thomas Poppe hängt gerade ein wenig durch. Woran liegt das? Hat das 2:1-Last-Minute-Mega-Freistoß-Tor von Toni Kroos nicht auch den letzten WM-Muffel aus seinem Tiefschlaf erweckt? Dreht sich nicht immer alles nur um den Fußball an sich, Leute. Ein Stimmungsbericht.


Ich bin müde geworden, über Fußball zu schreiben. Das tut mehr weh als die Nase von Sebastian Rudy. Aber in diesen Tagen – auf die ich mich so gefreut habe – ist die Goldwaage so groß geworden, dass man kaum mehr einen Wortfetzen hinzufügen möchte.

Alles wird zum Politikum. Jeder muss eine Meinung haben. Je kleiner die Ahnung, desto größer die Buchstaben. Ein Foto, eine Hymne, eine Fahne. Menschen, die sonst differenziert durch die Welt gehen, stellen Nazi-Vergleiche auf, wenn sich mehr als fünf Leute in schwarz-rot-goldenen Klamotten treffen. Gleichzeitig feiert Alice Weidel die Nichtaufstellung von Özil mit #afdwirkt. Ein paar Fußball- und TV-Rentner hoffen auf ein Comeback in alte Wichtigkeitsphären, indem sie in Talkshows beim Bullshit-Bingo für dumme Phrasen in wenigen Sekunden das ganze Blatt füllen. Und ganz wichtig ist natürlich auch, dass keine Frauen kommentieren. Weil: geht halt nicht. Und Spieler, die seit vielen Jahren so spielen, wie sie spielen, spielen „plötzlich“ so, wie man auf keinen Fall spielen kann.

Lautsprecher aus Politik & Presse plus blinde Alles-Multiplizierer
Fußball ist am Ende des Tages auch eine Subkultur. Man schlägt Töne an, die jemand „von außerhalb“ nicht versteht. Man hat Emotionen, Gefühle, Wut und Freude in einem Maß, das man Außenstehenden unmöglich vermitteln kann, weil man sie selbst kaum begreift. Man versteht sich, ohne vorher auf die Visitenkarte zu schauen. Das funktioniert. Mit vielen kleinen und großen Baustellen, aber es funktioniert. Seit immer. Diese WM fühlt sich an, als ob deine Indie-Band einen Welthit hat. Es ist ok, wenn du beim Konzert plötzlich hinten in den 50. Reihe stehst, wo es sonst nur 10 Reihen gab. Aber dass die Fachpresse plötzlich die restlichen Songs zerpflückt und die Leute mehr Balladen fordern, während Arschlöcher den Hit als eigene Hymne missbrauchen, das nervt. Das macht wütend.

Wären es die Eventfans, ich würde es irgendwie verstehen und übersehen. Aber die haben zum Großteil einfach nur eine gute Zeit im Schland-Outfit. Es sind die Lautsprecher aus Lagern von Politik bis Presse und ihre blinden Alles-Multiplizierer. Die, die das Spiel nicht geschaut haben, weil sie hoffen, dass Schlaaaand doch noch weiter kommt, sondern weil sie daraus einen weiteren Indikator für alles, was gerade schief läuft (in der Welt, in Deutschland, in ihrem eigenen Leben) basteln wollen. Und weil der WM-Kuchen nicht größer wird und jedes Mal noch mehr Leute noch größere Stücke wollen, werden die Messer immer wuchtiger und das Gedränge an der Kuchenbar immer heftiger.

Der WM-Kuchen reicht für alle – eigentlich
Ich hab noch immer so viel Bock auf diese WM. Auf die Außenseiter, die ein 6:1-Anschlusstor wie den Titel feiern. Auf die ganz großen Namen, die scheitern wie Messi oder ihren Legendenstatus zementieren wie Ronaldo. Auf die neuen Stars, die wie Phönix aus der Asche entstehen und danach entweder lange Zeit am Himmel stehen oder genauso schnell wieder verglühen. Auf die besonderen Momente, wie das Tor von Toni Kroos. Auf geilen Fußball. Auf schöne Tore. Auf neue Helden und Buhmänner. Auf stundenlange Debatten über Aufstellungen und Taktiken. Auf diese bangen Sekunden kurz vor dem Abpfiff. Sogar auf diese kurze Zeitspanne vor der Entscheidung des Videoschiedsrichters. Der Kuchen wäre groß genug für alle, wenn sich jeder, der auch wirklich Appetit hat, ein vernünftiges Stück nehmen würde.

Ich freu mich schon auf den 18. August. Da ist 1. Runde DFB-Pokal. SV Drochtersen/Assel gegen Bayern München. Da stehen dann wirklich wieder nur die Leute an der Kuchenbar, die nicht satt geworden sind beim großen WM-Fressen. Mahlzeit.


Von Thomas Poppe
(nimmt immer nur ein Stück, wenn es mal Kuchen gibt, geht dafür aber auch viermal zum Buffet, Anm. d. Red.)

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