Dann ist das nicht mehr mein Sport…

Bunte Schuhe, ausgefallene Torjubel, Protestvorträge beim Unparteiischen – der Fussball hat sich verändert. Thomas Poppe gefällt das nicht. Der heute 34-Jährige schreibt sich im folgenden Gastbeitrag seinen Frust von der Seele und will seinen alten Lieblingssport zurück.


Gemocht hab ich Fussball wohl schon, bevor ich denken konnte. Lieben gelernt habe ich ihn dann auf dem Bolzplatz. Ich glaube, ich habe dort mehr Zeit meiner Kindheit verbracht, als in der Schule, im Spielzimmer und vor dem Fernseher zusammen. Das simple Spiel, die wenigen Regeln und die ganzen Jungs, die das Spiel auch so liebten wie ich – das war die Magie. Ich glaube die Magie gibt es immer noch, aber sie stirbt langsam aus. Zerschmettert an bunten Kickschuhen, dem Zwang nach Unsportlichkeit und der Liebe des eigenen Egos, statt des Spiels.

Ich konnte noch keine Uhr lesen, doch das Spiel verstand ich. Da ist ein Tor, da ist ein Ball. Wer öfter trifft, gewinnt. Es gab keine WhatsApp-Gruppen oder ewige Diskussionen, wer kann und wer nicht kann. Nach der Schule wurde Ranzen in die Ecke geworfen, etwas gegessen und dann gings los. Kicken.

Viele kamen ohne Ball, aber irgendwie war immer mindestens einer da.

Die Ältesten wählten via Tipp-Topp oder Schnick-Schnack-Schnuck die Mannschaften. Mal auf ein Tor, mal auf zwei, mal bis 10, mal auf Zeit. Am Ende war eh egal, wer führt oder gewinnt. Das letzte Tor entschied im Zweifel und das nächste Spiel ging fünf Minuten später los. Das Regelwerk war kürzer als im Fightclub. Wer mehr Tore schoss, gewann und drei Ecken waren ein Elfer. Tore wurden in besonderen Fällen mit High Five gefeiert, für mehr war keine Zeit, weil schon der Gegenangriff rollte. Wer Foul spielte, entschuldigte sich und gab damit offen zu, dass er Foul gespielt hatte. In 10 Jahren gab es maximal drei Mal Streit um Szenen, die wohl wirklich die Definition von 50/50-Entscheidung waren.

Wer unfair spielte, bekam vom Gegner-Team geschlossen auf die Hölzer und lernte die Lektion mit ein paar blauen Flecken. Am Ende war alles vergessen, weil das Spiel uns vereinte. Und als der große Zeiger auf der 12 und der kleine Zeiger auf der 7 war, ging es nach Hause – oder auf den großen Platz zum Fußballtraining im Verein. 20, 25 Jahre ist das her.

Das Spiel liebe ich immer noch, aber die Nebenschauplätze gehen mir auf die Eier, die Oliver Kahn damals gesucht hat.

Was ist nur aus meinem Sport geworden? Bei uns war man der König, wenn man das Model „Kaiser“ von Adidas hatte. Schwarze Schuhe. Heute kann es nicht bunt genug sein. Erstaunlich, wie viele zu glauben scheinen, dass der Schuh und nicht der Fuß darin für den Schuss verantwortlich ist. Gejubelt wurde bei uns noch mit einer Hand in die Luft. Wenn es ein Traumtor war oder um viel ging, riss man auch mal zwei Arme hoch oder ein Jubelhaufen bildete sich spontan.

Choreographien für Tore? Trademark-Jubel? Die Säge von Stefan Kunz war das Höchste der Gefühle. Ich bin ehrlich. Ich hab den Käse selbst adaptiert. Stutzen über die Knie, Überschlag nach dem 7:0, Schnullerjubel. Aber irgendwie hat das eine andere Qualität erreicht. Man hat das Gefühl, der Jubel ist wichtiger als das Tor und die Wertsteigerung der eigenen Marke wichtiger als der Sieg des Teams. Überhaupt, wo sind die Typen hin? Jungs wie Andi Brehme und Rudi Völler, die sich auf den Platz keinen Millimeter gönnten und danach weinend im Arm lagen. Die Jungs auf der 6, die sich nicht zu schade waren, den Drecksjob für die 10er zu machen? Jungs wie Mario Basler, die sich auch mal eine Kippe und ein Bier gönnten und dazu standen.

Jungs wie Lothar Matthäus, die auch mal das Herz die Zunge steuern ließen und nicht die Sätze der PR-Agentur auswendig aufsagten. Wir haben sie nicht trotzdem, sondern deswegen geliebt. Apropos Liebe. Bei Fair Play hört die Liebe ja schon lange auf. Wenn Spieler Preise bekommen, weil sie zugeben, dass sie absichtlich Hand gespielt haben, läuft etwas ziemlich falsch. Es sind diese unzähligen Kleinigkeiten, die mich in Summe zur Weißglut treiben. Hier den Ball noch mal in die Hand genommen und weggelaufen. Da den Ball weggeschlagen obwohl längst gepfiffen wurde. Dazu schön bei jedem Gegentor die Hand gehoben, bei jedem Abseits in Richtung Linienrichter abgewunken. Hinfallen ist längst eine Kunstform geworden. Oft mit mehr Umdrehungen als ein Porsche. Wer nicht aus jeder Möglichkeit eine Foul provoziert, ist ein Idiot. Einstecken kann kaum einer, beim Austeilen sind sie aber ganz groß.

Selbst wenn dem Gegner die Kniescheibe herausgetreten wurde: Aus Prinzip rennen fünf bis acht Mann zum Schiri und reklamieren aus zehn Zentimetern eine Schwalbe.

Beim Einwurf wird gerne mal 20 Meter nach vorne gelaufen, Torhüter denken sich immer neue Faxen beim Elfer aus und selbst Trainer fangen schon an und verlieren jeden Respekt vor den Schiedsrichtern. Ganz ehrlich: Ich hab die Schnauze so voll von diesem Kasperltheater. Man muss sich nicht wundern, wenn schon die Kids Schwalben und Torjubel besser können, als Passen und Köpfen. Als 1990 Rot für die Grätsche von Hinten eingeführt wurde, lernten es ein paar Spieler auf die harte Tour – danach grätschte keiner mehr von hinten. Man muss nur mal andere Sportarten sehen. Wer beim Handball nach einem Pfiff nicht sofort den Ball liegen lässt, bekommt eine Zeitstrafe.

Beim Football gibt es Strafyards, wenn der Schiri angegangen wird. Offenbar braucht es auch im Fußball ein paar Respekt-Schellen in Form von Karten. Vielleicht müssen auch erst wieder ein paar Jungs wie Lodda, Mario und Rudi kommen, vielleicht muss erst mal jemand eine Entscheidung gegen das eigenen Team revidieren, dass die Meisterschaft kostet, vielleicht braucht es auch mal Spiele mit acht Gelb-Roten Karten – aber irgendwie muss der Quatsch doch wieder aufhören und wir müssen zurück zu dem ehrlich Fußball, in den ich mich vor 20, 25 Jahren auf dem Bolzplatz so sehr verliebte. Denn wenn das so weiter geht, dann ist das irgendwann nicht mehr mein Sport…


Von Thomas Poppe
(hat dem Prinzip „Drei Ecken, ein Elfer“ all seine in der Jugend erzielten Tore zu verdanken, d. Red.)

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