Deutscher Digitalpöbel in WM-Form

„Am 16. Juni geht’s wieder los, da lassen wir uns wieder vier Wochen lang durchbeleidigen“ – dieser Satz stammt von ARD-Kommentator Tom Bartels und er fiel in einem Gespräch zwischen ihm und ZDF-Mann Béla Réthy im Vorfeld der laufenden Weltmeisterschaft. Und auch wenn sich trefflich darüber streiten lässt, ob die Formulierung an der Stelle überzogen ist – im Kern der Sache soll Bartels vermutlich Recht behalten.


Die WM ist keine zwei Wochen alt und es lässt sich eiskalt attestieren: Neben der Mannschaft von Trainer Jogi Löw sind es vor allem die TV-Kommentatoren der übertragenden Sender, die sich den Unmut des deutschen Digitalpöbels zuziehen. Der sozialmediale Trolltourismus hat die Route zwischen Asylstreit und Fussball-WM schnell für sich entdeckt und schlägt insbesondere in einer Permanentdebatte um die deutschen FußballkommentatorInnen ein. Kein Spiel, das nicht von Beginn an (Jo, als ob bis zum Anpfiff gewartet werden würde) via Second Screen mit einem satten Schwall digitaler Hasslotion überzogen wird.

Der eine schwafelt zu viel, der andere ist viel zu passiv, die Dritte ist ’ne Frau (was fällt der bitte ein?!) und das Urgestein gehört sowieso in Rente, sofort. In Zeiten großer Turniere trifft es natürlich vorzugsweise die Öffentlich-Rechtlichen. Menschen beurteilen und bewerten andere Menschen bei ihrer Arbeit – möglichst destruktiv und persönlich.

Erwachsene Menschen hetzen und schimpfen – was gibt ihnen das?
Kein reines WM-Phänomen: Die Problematik kreist seit Monaten und Jahren genauso um die Bundesliga und alle anderen empfangbaren Ligen. In den sozialen Netzwerken (und da macht das selbsternannte Elitenetzwerk Twitter leider keine Ausnahme) wird gehasst, gehetzt und beschimpft – von erwachsenen Menschen, die zumeist einen eigenen Job haben, für den sie sicher nur ungern mit ansatzweise ähnlichem Feedback bedacht werden würden. Aus meiner Sicht ein komplettes Unding, in dieser Weise aus der eigenen Komfortzone heraus gegen Leute zu schießen, die man zwar unter Umständen nicht mag, denen man aber eine grundsätzliche Motivation, ihren Job bestmöglich zu machen, nur sehr bedingt absprechen kann. Was gibt einem das?

Leute, im Ernst: Egal, ob Weltmeisterschaft, oder Dritte Liga – hört auf, euch an einzelnen Sprechern abzuarbeiten, die ihren Job im akustischen Schaufenster zu verrichten haben und steigt runter von eurem Thron. Es gibt genug Vielfalt für alle und jede(n). Wir haben doch die volle Bandbreite: Sachlich-engagiert mit Schmidt, Neumann oder Hagemann, Stimmen mit Finalformat wie Réthy oder Bartels, Wolf Fuss in der Kategorie „Verbalmaschinengewehr“ und natürlich Fussballvollverstrahlte wie Jörg Dahlmann. Dazu unzählige neue Leute bei DAZN & Konsorten. Frank Buschmann lass ich an dieser Stelle mal raus, der macht sicher gerade Social-Media-Pause und soll da jetzt auch in Nichts reingezogen werden.

Wie geil, was will ich denn mehr? Klar kann ich mir noch immer nicht meinen Lieblingskommentator für mein Spiel aussuchen, aber Leute – worüber reden wir hier? Dieses unsachliche und schwer umempathische Beleidigungsgeballer auf allen Kanälen sollte in jedem Fall mal ein Ende haben. Im Übrigen: Wo kommen wir da überhaupt hin, wenn Leute als ausgewiesene Schalke-, Wolfsburg- oder HSV-Fans sich die Kompetenz zuschreiben, zu bewerten, ob jemand anderes Ahnung von Fußball hat oder nicht?


Von Lars Kranenkamp
(pöbelt in der Regel nur am Redaktionstresen, Anm.d.Red.)

 

Lars Kranenkamp

Ballsport • Punkrock • Digital | Konzeption • Content • Kreation | www.larskranenkamp.de

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