Frauenfußball: Einfach mal die Fresse halten!

Die Fußball-WM der Frauen läuft und mit ihr mal wieder die alte Debatte um mangelnde Qualität, Aufmerksamkeit und irgendwelche Preisgelder. Die Diskussionen hinken an allen Ecken und Enden. Dabei könnten sich vor allem die Männer an ganz anderen Stellen eine dicke Scheibe abschneiden, findet zumindest unser Autor Thomas Poppe (kein Pferdeschwanz), der unseren Mädels eifrig die Daumen drückt.


Kennt ihr diese selbst erstellten Mixtapes, die man zu Kassetten-Zeiten zu oft gehört hat? Ausgenudelt und kaum noch zu ertragen waren sie irgendwann. Gerade liegt wieder das „Best of Bullshit – Girls & Soccer“ im Rekorder und eiert in nicht auszuhaltender Qualität umher. Neben den Klassikern „Männersport“ und „Kampflesbenkick“ sind natürlich auch Hits wie „Miese Qualität“ und „Neumann nervt“ mit dabei. Hinten raus dürfen die Macho-Kracher „Die würde ich auch mal in Manndeckung nehmen“, „Wer ist Kapitän und wer trägt sonst noch ne Binde“ und „Spul mal vor zum Trikottausch“ nicht fehlen. Haltet doch einfach die Fresse, echt!

Frauenfußball scheint eines der letzten Spielfelder der jungen und alten weißen Männer zu sein, die schon um ihre Steaks zittern, das Tempolimit fürchten und denen zu Fridays for Future nur die Schulpflicht einfällt. Hängengeblieben in einer Zeit, als der Altherren-Witz nicht ironisch vorgetragen werden musste und die Rollenaufteilung genauso klar war, wie die des Nachnamens nach der Eheschließung. Wo niemand mit Verstand einen Leistungsvergleich der Geschlechter aufstellen würde, wird lauthals „Die sind doch viel schlechter als die Männer“ gebrüllt. Die letzten Herren-Turniere als Vergleichsbasis genommen, habe ich da übrigens meine Zweifel. Die eigentliche Frage ist aber: Wie soll ein Geschlecht mit so vielen Jahrzehnten Rückstand in Sachen freier Entfaltung auf einem Niveau mit dem sein, dass immer alles konnte und durfte und bestimmte? In Relation gesetzt, haben die Fußballfrauen geradezu eine Leistungsexplosion vollbracht in den letzten zwei Jahrzehnten.

Über den Tellerrand schauen!

Es gibt keine Sportart, bei der die Geschlechter so undifferenziert verglichen werden, wie beim Fußball. Jeder würde sofort als Idiot bezeichnet werden, würde er die 10,49 Sekunden von Florence Griffith-Joyner als lahm bezeichnen, weil Usain Bolt fast eine Sekunde schneller die 100 Meter lief. Niemand würde Steffi Graf oder Angelique Kerber ihre Titel mies reden, weil Andre Agassi und Rafael Nadal ihre Grand Slams über fünf Gewinnsätze holen mussten. Aber wenn eine Torfrau mit 1,75 Metern nicht ähnlich gute Paraden wie Manuel Neuer mit seinen 1,93 Metern zeigt, ist das unterirdisches Niveau.

Wer über Frauenfußball sprechen will, muss über den Tellerrand schauen. 1955 verbot der DFB den Vereinen, Frauen-Abteilungen zu gründen, weil Zitat: „die Kampfsportart der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist“. Der niederrheinische Verband ließ im gleichen Jahr sogar einen Sportplatz zwangsräumen, weil dort Frauen aus Duisburg gegen Frauen aus Essen kickten. Unter Widerstand fanden Länderspiele statt und Ligen wurden gegründet. Das Verbot wurde 1970 aufgehoben. Wie schnell sich die deutschen Frauen in die Weltspitze kickten, ist bemerkenswert. Dass es 1989 zum EM-Titel als Siegprämie ein Kaffeeservice gab, zeigt, wie groß die Anerkennung in einem Verband mit alten Männern an der Spitzen selbst in den späten 80ern noch war.

Kampf gegen Klischee-Mühlen

Frauenfußball ist weit mehr als ein etwas schwächerer Herrenkick. Es ist Symbol einer Befreiung aus Zwangsjacken, die einst von Männern genäht und angeordnet wurden und in vielen Ländern der Welt noch immer wird. Eine sportliche Feminismus-Form in Zeiten, in denen Frauen weiterhin in vielen Jobs schlechter bezahlt werden als Männer und gegen die Klischee-Mühlen ankämpfen müssen. In Zeiten, in denen die DFB-Herren 350.000 Euro Prämie auf ihre Konten voller Millionen bekommen und die Frauen noch nie dagewesene 75.000 Euro einstecken dürfen. Beim DFB bleibt die erfolgreichste Abteilung ein Klotz am Bein. Dabei wäre es ein großartiges Zeichen eines der reichsten Verbände der Welt gewesen. Wie eben in Norwegen, wo Männer und Frauen dieselben Prämien kassieren oder wie in den Niederlanden, wo man bis 2023 auf einem Gehaltsniveau sein will. Und dann sind da noch Länder wie der Iran. Wo Frauen 2018 erstmals überhaupt ins Stadion durften – einige wenige, ausgewählt vom Staat. Weiterhin ein Witz. Dennoch für viele ein so wichtiger Schritt. Da, wo Bayern gegen Augsburg nicht übertragen wurde, weil Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus auf keinen Fall im Fernsehen gezeigt werden durfte, weil sie eine kurze Hose trug.

Respektieren und akzeptieren ist das Mindeste, was man dieser Frauen-WM entgegenbringen sollte. Aber eigentlich lohnt sich ein Blick auf das Spielfeld sogar sehr – gerade für die Männerwelt. Neymar-Rollen, Rudelbildung, Provokationen, versteckte Fouls, das Angehen der Schiedsrichterin oder ähnliche nervige Dauerbrenner aus dem Seniorenbereich der Männer sucht man vergeblich. Immer dabei: Leidenschaft, Herz und Kampf bis zur letzten Minute. Das muss keiner mögen. Das muss keiner schauen. Aber wer auch nur ein wenig über seinen Tellerrand blicken kann und den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts zumindest etwas eingeatmet hat, der sollte dann halt wenigstens einfach die Zeit nutzen und sich um andere Dinge kümmern, anstatt dieses besagte, uralte Mixtape schon wieder aufzulegen.


Von Thomas Poppe
(wird in der FUMS-Redaktion respektiert und akzeptiert. Wenn irgendwie möglich, schaut aber keiner hin, Anm. d. Red.)

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