Maskottchen from hell – von Löwen ohne Hose und Kai Pflaume auf Drogen

Die Euro 2020 steckt noch in den Anfängen der Qualifikation. Einer ist aber schon sicher dabei: Maskottchen „Skillzy“. Fast schon traditionell ein Griff ins Ideen-Klo. Unser Löwe ohne Hose aka. Goleo aka. Thomas Poppe, blickt auf die Maskottchen der Vergangenheit zurück und berichtet von seinen eigenen Erfahrungen im Kostüm.


Ich kann mich an genau ein Lieblingsstofftier in meinem Leben erinnern. Es war „Berni“, der Hase. Das Maskottchen der EM’88 in Deutschland. Ein Hase, wie man sich einen Hasen als Maskottchen eben vorstellt. Das Ding war so vernünftig und lässig, dass die Schweden ihn 1992 einfach in „Rabbit“ umbenannten, ein anderes Trikot überzogen und ihn ebenfalls als offizielles Turnier-Vieh nahmen. Ansonsten war die Maskottchen-Welt bei Fußball-Events bisher ein einziges Trauerspiel. Gefühlt wurden fast alle von Photoshop-Philipp erstellt, der beim Agentur-Praktikum vorher den Koks-Vorrat vom Vorstand entdeckt haben muss. Anders ist wohl nicht zu erklären, warum „Goleo“ VI (ja, er hieß wirklich Goleo VI) keine Hose trug, Südafrika-Maskottchen „Zakumi“ ein Leopard mit Mähne war und „Footix“, der Hahn zu WM1998 in Frankreich, einen Overall mit integrierten Schuhen trug. Eigentlich müsste es Maskokschen heißen.

1980 war das Maskottchen der EM in Italien „Pinocchio“. Die bekannte Holzpuppe, die eine lange Nase bekommt, wenn sie lügt. Und was soll ich sagen: Das Maskottchen hatte natürlich eine lange Nase. In dem Land, in dem es später heftige Manipulationsskandale gab, war er irgendwie ein Vorbote des Übels. Immerhin steckte man damals noch keine Menschen in Kostüme – auch nicht 1974, als die WM in Deutschland von „Tip und Tap“ begleitet wurde. Einen dünnen, großen, blonden und einem dicken kleinen, schwarzhaarigen Jungen, die beide ein bauchfreies Trikot trugen. Dass die beiden Boys im Rückblick nicht so auffallen, liegt vor allem an den Turnieren 1982 und 1986, wo man in Spanien auf „Naranjito“ die Orange und in Mexiko auf „Pique“ die schnurrbärtige Jalapeno-Chili mit Sombreno setzte. Was auch sonst.

Skillzy – klingt wie ein Startup aus Berlin-Mitte, das von Joko Winterscheidt gefördert wird

Für die Euro 2020 wird es jetzt also „Skillzy“. Klingt wie Startup aus Berlin-Mitte, dass von Joko gefördert wird. Die Idee ist natürlich unfassbar: Ein Mensch in einem Menschen-Kostüm. Da musste erst mal drauf kommen. Dass die Jacke dann aussieht, als wäre es eine Mischung aus dem Outfit eines Bombenräumkommandos und der offiziellen Jacke der finnischen Olympia-Skimannschaft, geschenkt. Die Pupillen von „Skillzy“ sind so groß – der schafft es durch keine Polizeikontrolle ohne in einen Becher zu pinkeln. Zusammengefasst könnte man sagen: Skillzy sieht aus wie Kai Pflaume, der gerade sämtliche beschlagnahmten Drogen einer Razzia im Berghain eingeworfen hat. Immerhin hat er ’ne Hose an.

Maskottchen sein, das noch als klein Anekdote zum Schluss, das klingt so schön. Etwas klatschen, Kinderaugen zum Leuchten bringen, mit den Jungs feiern. Dachte ich. Und plötzlich war ich für einen Tag Leo Löwenherz. Das Maskottchen vom damaligen Handball-Bundesligisten TV Grosswallstadt. „Geh‘ in den Pausen aufs Spielfeld“, haben sie gesagt. Dass ich schon nach zehn Minuten so dermaßen schwitzen werde, dass das komplette Wischer-Team mir hinterherlaufen und die Pfütze wegfeudeln muss, haben sie mir nicht gesagt. Dass man nach einer Halbzeit kurz vor dem Kreislaufzusammenbruch steht, haben sie nicht gesagt. „Klatsch‘ mit allen ab, schreib‘ Autogramme und reagiere auf das Spielgeschehen“, haben sie gesagt. Dass man ein Sichtfenster hat, kleiner als ein Baby im Geburtskanal und dadurch völlig überheblich kleine Kinder ignoriert oder umrennt, das haben sie hingegen nicht gesagt. Deswegen zum Ende mein Appell an alle, die zu Recht über Maskottchen wie Goleo VI, Benelucky, Slavek & Slavko oder Skillzy lachen: Denkt immer daran: Innendrin steckt ein ganz armer Hund, der einfach nur froh ist, wenn die Scheiße bald vorbei ist.


Von Thomas Poppe
(Heimliches Redaktionsmaskottchen, schwitzt aber zum Glück nicht mehr so stark wie früher, Anm. d. Red.)