FUMS

Seit genau einem Jahr ist es bittere Normalität. Mit kleinen Pausen und ein paar wenigen Fans im Sommer spielt der Spitzenfußball vor leeren Rängen. Unser Autor Thomas Poppe kennt das Waldstadion in Frankfurt als Fan, Reporter und zuletzt auch als Papa, der seinen Sohn das erste Mal mitnimmt. Ein Erlebnisbericht von seinem ersten Geisterspiel.


Mein erstes Geisterspiel

Kennt Ihr Fondant? Fondant ist dieses Zeug, das aussieht wie Knete und mit dem man Kuchen und Torten unfassbar toll verzieren kann. Aber dazu später mehr. Mit Bretzel und Apfel im Gepäck fuhr ich los zum Spiel der Eintracht gegen den VfB aus Stuttgart. Das Essen hatte ich dabei, weil die SGE im Vorfeld so nett war, mich auf die fehlenden Fressbuden hinzuweisen. Keine Stadionbratwurst also. Als würde man in ein Kino fahren, bei dem seit einem Jahr die Popcornmaschine kaputt ist. Überhaupt, wann fährt man los, wenn nichts los ist? Die A3-Abfahrt zum Stadion verpasse ich fast, weil das obligatorische „Stop & Go“ auf der rechten Seite mir nicht – wie sonst – den Weg weißt.

Am Gleisdreieck, wo sonst schon lange vor Anpfiff großer Auflauf ist, ist heute nicht mal der Parkplatz geöffnet. Eine geschlossene Imbissbude ist das Einzige, was daran erinnert. In der berühmten Unterführung zum Stadion brennen Kerzen für den Fan, der im Januar überraschend verstarb. Als ein Radfahrer und eine Frau mit Kinderwagen vorbei kommen, fahre ich weiter. Ins Parkhaus. Nicht irgendeines. Das Parkhaus unter dem Stadion. Vom Auto zum Platz dauert es zwei Minuten, wo ich sonst eher eine dreiviertel Stunde laufe. Klingt gut, aber der lange Fußweg voller illegaler Bratwurstbuden, Ständen mit Schals, Pfandsammlern und Fans voller Vorfreude – er fehlt irgendwie.

So war das damals…
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Drinnen fühlt es sich zunächst gar nicht so seltsam an. Als wäre man einfach nur viel zu früh da. Erst als das Aufwärmprogramm beginnt und später „Im Herzen von Europa“ ohne den Live-Chor aus 40.000 Kehlen ertönt, realisiere ich so richtig: „Hier kommt heute keiner mehr!“ Ich trage FFP2-Maske. Kein Muss, aber ich wollte es mir und Kalle Rummenigge beweisen. Spoiler: Kein Problem. Als es los geht, sind die Gespräche auf dem Feld noch besser zu hören als im TV. Ein ständiges „Hey!“, „Schiri“, „Pass!“ und „Ja!“, nicht anders als beim Duell zweier Käffer auf einem Dorfplatz. Überhaupt fühlt es sich an, als hätten hier zwei Kreisliga-Teams aus Ortschaften mit 100 Einwohnern einen Kick in einem Bundesliga-Stadion gewonnen. Nur die wenigen Fehlpässe passen nicht dazu.

Vor mir analysieren zwei Stuttgarter die Spielzüge auf einem Bildschrim und rennen kurz vor der Pause mit USB-Stick in die Kabine, schräg unter mir höre ich die Jungs vom Eintracht-Radio kommentieren, wenn nicht gerade Spieler oder Trainer etwas lauter werden. Als das Spiel ein wenig plätschert, schaue ich mich um. Wie ich sehe, sehe ich nichts. Keine Gesänge, kein Gehüpfe, keine Ablenkung. Einfach nur der Fußball. Und der Fußball da unten, er funktioniert. Zwei Teams, die Spaß machen, egalisieren sich über weite Strecken. Lange ist es ein „0:0 der besseren Sorte“. Vielleicht ist es die Konditionierung vor dem TV, aber ich denke kaum daran, dass das nicht normal ist, was mittlerweile gefühlte Normalität ist. Erst als Kostic das vermeidliche 1:0 erzielt, wird mir wieder klar, was hier eigentlich los wäre. Bei den anderen beiden Toren erneut.

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Spannend war es. Ein „Das muss man echt mal erlebt haben, aber einmal reicht auch“-Ding, denke ich mir auf dem kurzen Weg zum Auto. Zwei Minuten später bin ich wieder auf der A3 und muss an dieses Fondant-Zeug denken. An diese wunderschönen Torten, die in der Regel nicht nur gut aussehen, sondern auch gut schmecken. Diese herrliche Verzierung, dieses „das Auge isst mit“-Ding, dieses „das war sicher eine Menge Arbeit, dass das so toll aussieht“-Gefühl. Genau das fehlt. Es war kein schlechtes Spiel. Im Gegenteil. Alles, was innen drin steckte, war geschmacklich eine wirklich tolle Torte. Und doch geht man mit dem Gefühl nach Hause, dass das alles sonst immer mehr war, als nur leckerer Kuchen.

Die überteuerte Bratwurst, das Getränk aus dem Plastikbecher, das „oooooooooooh“ von Tausenden, wenn ein Ball knapp über das Tor geht, die Pfandsammler, der eine völlig übertrieben reagierende Typ zwei Reihen weiter oben, der kleine Fan mit den leuchtenden Augen, die Kurve – ganz besonders die Kurve – die Pfiffe gegen den einen Spieler, der gerade den Publikumsliebling gefoult hat, sogar das echt nicht so geile Klo, die zigtausend Papierschnipsel der Choreo, die gebrüllten Nachnamen bei der Aufstellung und die Kinder, die noch in dreißig Jahren wissen werden, mit wem sie damals auf das Feld laufen durften. Sie fehlen. Man braucht sie für dieses Spiel von zwei Teams mit je elf Spieler nicht. Das reine Spiel – es funktioniert ohne jede Zierde. Das ist die Wahrheit. Aber diese Zierde – sie fehlen so sehr. Fußball funktioniert. Mit zwei Kindern und einem Garagentor, zu zehnt auf dem Bolzplatz und mit einer Blechdose irgendwo im ärmsten Slum. Er funktioniert mit vier Zuschauern am Eisenhammer in Weilbach, als U9-Kick am Samstagmorgen mit Eltern, die Kaffee und Kuchen verkaufen und er funktioniert mit 22 Millionären in einer leeren Arena für 45.000 Menschen.

Und dennoch: Am Ende kann die Torte noch so lecker sein. Diese komplett unnötige Verzierung ist es, an die sich alle am Tisch noch erinnern werden, wenn sie den Geschmack längst vergessen haben. Und genau diese Verzierung fehlt. Nächstes Mal wieder Waldparkplatz, 45 Minuten Fußweg und eine Bratwurst, die zu Hause nur mittelmäßig schmecken würde, aber im Stadion das beste Essen der Welt ist. Scheiß auf den Ketchupfleck.

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