Ist das noch Fußball mit Qatar-Deals und Stadien ohne Fans? Eigentlich nicht, aber geil ist es schon – findet unser Bayern-Bazi Thomas Poppe, der direkt nach dem Triple die Freudentränchen mit seinem Robben-Trikot aus den Augen gewischt und in die Tasten geklopft hat.


Als die Bayern 2001 die Champions League holten, war ich 19 Jahre alt und vielleicht war ich danach nie wieder krasser Fan von einer Sache oder einem Team als damals. Es ist anders geworden, das Fan-sein. Kinder haben, beruflich mit Menschen zu tun haben, von denen man sich früher noch Autogramme geholt hätte und dann auch alles schon mindestens einmal passiv gewonnen zu haben. Dennoch gibt es sie noch, die geilen Abende, an denen mein Fußballherz wieder 19 statt 38 ist und ständig von der Couch springt oder einen Schuss vor dem Fernseher ausführt, als könnte man etwas damit bezwecken. Das CL-Finale PSG gegen den FC Bayern war so ein Abend. Tatsächlich gab es diese seltsame Saison über schon erstaunlich viele. Es ist nicht mehr „mein Fußball“, es ist nicht mehr die Fan-Brille meiner Teenie-Jahre und es sind andere Emotionen als damals – aber es kickt noch ziemlich ordentlich.

Der Fußball ist krank. Diagnose: Neymasern!

Wäre der Fußball ein menschlicher Organismus, dann hätte er gerade körperliche Probleme. Das Konto prall gefüllt, aber extrem überarbeitet. Nichts…

2001 war vorher 1999. 2013 war vorher 2012. 2020 war vorher Niko Kovac. So sehr ich ihn eigentlich mag, so toll er menschlich zu sein scheint – sein 1:5 in Frankfurt und seine „Man kann nicht versuchen, 200 km/h auf der Autobahn zu fahren, wenn sie nur 100 schaffen. (…) Man muss auch die Spielertypen haben…“-Aussage waren ein echter Tiefpunkt, an dem man wirklich befürchten musste, 2021 in der Europa League spielen zu müssen. Schalke war nach 14 Spielen vor dem FC Bayern. In dieser Saison. Das glaubt einem ja keiner mehr. Und da gehen dann eben die Geschichten los, die nur der Fußball schreibt.

Hansi Flick. 29-1-0 aus den letzten 30 Spielen. Phonzie Davies, als Kind nach Kanada geflüchtet, jetzt Stammspieler beim Triple-Sieger mit 19 Jahren. Jerome Boateng, der längst als Hobby-Kicker und Zeitungsredakteur belächelt wurde. Manuel Neuer, der seit Jahren angeblich nicht mehr die Nummer 1 in Deutschland ist. Thomas Müller, zu alt für Jogi. Robert Lewandowski, der angeblich nie so gut sein wird wie Messi und Ronaldo. King Coman, der so oft so schwer verletzt war. Serge Gnabry, den selbst Kalle und Uli nicht als so gut eingestuft hatten. Ivan Perisic, der als Fehleinkauf aus der Not abgestempelt wurde. Brazzo. Wie voll ist dieser Kader und dieses Triple bitte mit „Mia san mia und wir haben es trotzdem geschafft“-Geschichten und Typen?

Wie gut war dieser Fußball von Flick, den selbst Watze völlig neidlos in den Himmel lobte? Vielleicht ist die Liga in den letzten Jahren zu schwach für Bayern gewesen – aber in dieser Saison waren die Bayern zu gut. Für die Bundesliga und für Europa. Das Krasse ist, diese Bayern sind kein Team wie 2013 auf dem Zenit und mit der letzten Chance. Das ist ein Team in den Startlöcher. Mit geilen Typen wie Goretzilla, voll gepackt mit U25-Jungs und Talenten wie Zirkzee und Cuisance, den auch alle belächelt haben und der jetzt vier Titel gewonnen hat. Mit Leader Kimmich und diesem unfassbaren Müller, der vielleicht echt der letzte echte Typ ganz oben ist.

Jeder darf Bayern scheiße finde, weil das ja irgendwie auch so ein Anerkennungsstempel ist. Jeder darf sich vom modernen Fußball abwenden, ja – jeder sollte sogar Dinge wie den Qatar-Deal der Bayern scheiße finde. Jeder darf sogar lieber für Paris und Neymar sein. Aber wie man diesen Bayern diesen Titel nicht gönnen kann, das muss man mir auch erstmal plausibel erklären. Wobei, eigentlich nicht, weil „Mia san mia!“. Heute habe ich es mal wieder gefühlt.


Von Thomas Poppe
(FUMS-Anerkennungsstempel im Klassenheft, Anm. d. Red.)

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