Der Mehrwert für die Zuschauer war ja definitiv vorhanden…
Gunesch:
Es ist einfach spannend – und das was mir während des Interviews gar nicht aufgefallen – wir fangen auf relativ privater Ebene an. Er strahlt übers ganze Gesicht. Und dann stelle ich ihm eine Frage zum Spiel, damit DAZN überhaupt etwas zu Senden hat und du siehst sofort, wie sein breites Grinsen verschwindet und zack: Ist dieser Profimodus eingeschaltet. Das ist mir auch erst später aufgefallen. Aber nochmal: In dem Fall war es eine Ausnahmesituation, weil er zwei Tore geschossen hat. Ich bin ganz weit weg von Neid, ich gönne allen alles, besonders meinen Ex-Mitspielern. Aber hey, der darf f*cking Europa League spielen. Max Kruse, mit dem ich auch gut befreundet bin, dem habe ich auch vor zwei Jahren geschrieben: Ey, du darfst im Old Trafford spielen. Das sind Dinge, von denen ich mein Leben lang geträumt habe.

Nach dem Motto: Geil, einer von uns hat es geschafft….
Gunesch:
Ja, im Prinzip ist das so. Ich habe immer davon geträumt, in England zu spielen. Mein einziges U-Länderspiel in England habe ich wegen einer Lebensmittelvergiftung versäumt.

Ein Thema dieser Zeit ist auch: Taktische Analyse versus Unterhaltung – wie schaut es bei euch aus, folgt ihr da einem Plan? Welche Gedanken habt ihr dazu?
Hummels:
Das ist komplett abhängig von dem, was auf dem Rasen passiert. Neulich hat Barcelona gegen Alavés gespielt und Barça hatte neun Punkte Vorsprung, die Meisterschaft war quasi schon eingetütet und die Gegner hießen Vigo, Levante, Alavés. Da sind bestimmte Dinge einfach geregelt und man hat mehr Zeit, taktisch auch mal in die Tiefe zu gehen bei einem Gegentreffer. Dann kann ich auch gerne mal erklären, dass der Innenverteidiger nur deshalb so weit vorne steht, weil der Außenverteidiger viel zu weit vorgerückt ist. Und wenn es ein Spiel hergibt, dann kann man das auch erklären. Wenn es ein Kick and Rush-Spiel ist, wo es nur hin und her geht und es kaum Taktik gibt, dann muss ich auch nicht sagen, dass der Sechser viel zu tief steht oder dass der Stürmer nicht gut anläuft. Wenn es emotional ist, bleibe ich gerne bei den Emotionen.

Gunesch: Da sind wir wieder bei den unterschiedlichen Ansätzen. Ich habe mal United gegen Arsenal kommentiert, ich meine es war Weihnachten 2017 – das war ein Festival an Chancen, ein Spektakel.

Hummels: Ich kann mich erinnern, das habe ich mir re-live angeschaut.

Gunesch: Ich habe meiner Freundin damals gesagt: Schau dir das an, schau dir die zweite Halbzeit an. Das ist pure Unterhaltung. Alle zwei Minuten eine Chance. Eigentlich total untypisch, das war damals noch unter José Mourinho. Als Trainer wirst du wahnsinnig. Und für uns als Experten ist es kein Spiel, in dem man großartig in die Fehleranalyse einsteigen kann. Vom taktischen Aspekt war das Spiel eine Katastrophe, aber es hatte einen hohen Unterhaltungswert.

Trainer sind ein gutes Stichwort. Welche Trainer haben euch in eurer spielerischen Laufbahn geprägt? Von wem profitiert ihr heute noch, wo ihr selbst in der Expertenrolle beziehungsweise wie bei dir, Ralph, selbst in der Trainerrolle steckt?
Gunesch:
Bei mir ist es relativ leicht: Ich hatte großes Glück, dass ich mit Jürgen Klopp, Holger Stanislawski und Ralph Hasenhüttl zusammenarbeiten durfte. Alle drei eint, was wir vorhin über Matthias Sammer gesagt haben. Fachkompetenz und Leidenschaft. Von Jürgen Klopp hängen mir ganz viele Zitate noch immer im Hinterkopf, bei Stani ist es die Art und Weise, wie er mit Menschen umgeht und bei Ralph Hasenhüttl ist es die Menschenführung und die Ansprache an die Mannschaft.

Hummels: Ich war damals in der A-Jugend und durfte etwas in der ersten Mannschaft reinschnuppern, in der Ralph Hasenhüttl der Trainer war. Schon damals hat mir seine natürliche Autorität sehr imponiert. Taktisch habe ich viel von Heiko Herrlich gelernt, bei ihm habe ich erstmals taktisch so richtig viel mitgenommen. Eine der ersten Aktionen bei ihm war, dass wir das WM-Finale 1998 angeschaut haben. Frankreich gegen Brasilien. Und da hat er uns das Doppeln gezeigt, wie die Franzosen gedoppelt haben. Was ist doppeln? Was heißt es, sich fallen zu lassen? Was heißt es, abzusichern? Das war mein erster wirklich taktischer Input. In der Jugend bei Bayern München war Heiko Vogel drei Jahre lang mein Trainer, mit ihm habe ich meine schönsten Erinnerungen an den Fußball. Mit Heiko bin ich im Fußball groß geworden. Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an Trainingsmomente denke. Daher kommt meine Leidenschaft für Fußball, das ist definitiv der Verdienst von Heiko Vogel.

Gunesch: Ich glaube, jeder Trainer gibt einem irgendetwas mit. Ich muss auch ganz klar Uli Stielike nennen. Es ist heute noch ein Credo beim DFB: Jeder Pass hat eine Message. Das war Uli Stielikes DNA. Und wenn es nur dieser eine Satz ist. Da steckt sehr viel drin. Ich bin ja aktuell Trainer bei der U19 – wenn irgendetwas nicht gut gelaufen ist, aber trotzdem ein Tor gefallen ist, dann sage ich den Jungs immer: „Ich werde dir nie verbieten, ein Tor zu schießen. Und wenn du den Ball mit dem Knie im Fallen reindrückst, das ist mir völlig egal.“ Fußball ist eine Frage von Wahrscheinlichkeiten. Wenn du immer aus 40 Metern aufs Tor schießt, geht irgendwann auch mal einer rein. Aber die Wahrscheinlichkeit ist deutlich höher, wenn du aus 15 Metern aufs Tor schießt.

Deswegen bitte aus 15 Metern schießen und nicht aus 40 Metern. Wenn du einmal aus 40 Metern schießt und triffst, sage ich nichts. Wenn du aber fünfmal schießt und nie triffst, dann komme ich irgendwann schon zu dir und frage, was los ist.

Wir müssen auch kurz über Manuel Baum sprechen, unter dem du ja auch trainiert hast, Jonas. Verbunden mit seinem Ende in Augsburg haben zwei, drei Spieler sich ein wenig gegen ihn positioniert. Baum gilt als Fußballwissenschaftler, als positiv Besessener. Wie hast du es erlebt damals? Und wie gefährlich ist so eine Besessenheit, wenn dir Spieler dann irgendwann sagen: Ich habe keinen Spaß mehr am Fußball…?
Hummels:
Ich kann das total bestätigen, bei uns war er damals noch viel taktikbesessener als heute. Ich habe bei ihm auch enorm viel dazugelernt, aber wir sind auch aneinander geraten. Das ist aber normal, Konflikte zwischen Trainern und Spielern gehören dazu. Egal, ob Manuel Baum oder Zinedine Zidane. Die Frage ist, welchen Ansatz du als Trainer wählst. Ein Pep Guardiola ist beispielsweise auch nicht so nah an seinen Spielern dran. Wenn man es mit Jürgen Klopp vergleicht – der nimmt jeden in den Arm und macht Quatsch mit jedem. Am Ende ist es auch eine Frage des Erfolgs. Hast du Erfolg, wird sich kein Spieler gegen dich auflehnen.

Was sagt der Trainer Ralph Gunesch?
Gunesch:
Die Schwierigkeit, die du als Trainer hast, ist der Vorbereitungszeitraum vor dem nächsten Spiel. Im Idealfall hast du fünf Tage. Jürgen Klopp hat vielleicht zwei. Als Trainer hältst du sehr viele Dinge für unheimlich wichtig, würdest deinen Spielern am liebsten sagen: Nimm jetzt dieses Buch und lies es. Aber das kannst du nicht vor jedem Wochenende machen. Es gibt Trainer, die verpacken die Informationen auf fünf Seiten, andere brauchen nur eine halbe Seite. Konkret zu Manuel Baum kann ich nichts sagen, weil wir nicht zusammengearbeitet haben. Da erlaube ich mir kein Urteil. Aber das nur mal als Denkanstoß, wo die Schwierigkeiten für einen Trainer bestehen.

Hummels: Trainer wie Manuel Baum oder auch ein Thomas Tuchel sind sehr detailliert und fast schon Freaks, fast schon zu detailversessen…

Gunesch (grätscht rein): Und das ist der springende Punkt: Wie vermitteln sie das? Keiner von uns würde jedem dieser Trainer etwas absprechen an Fachwissen. Aber wie vermittelst du es?

Hummels: Jürgen Klopp hat da beispielsweise einen guten Mittelweg gefunden. Mats hat mir da auch ein paar Geschichten erzählt. Der ist dann zu einem Lucas Barrios ganz anders hingegangen als zu ihm. Oder mit Sebastian Kehl ganz anders umgegangen als mit Nuri Sahin.

Gunesch: Da sind wir wieder bei den unterschiedlichen Ansätzen. Du musst es schaffen, dich auch in Dinge hineinzuversetzen, die du eher nicht kennst. Tuchel und Klopp haben selbst nie ein Champions League-Finale gespielt. Klopp war ein ordentlicher, guter Zweitligaspieler. Aber nicht mehr.

Hummels: Klopp würde sagen: Ein sehr guter Zweitligaspieler (lacht).

Lasst uns von den Trainern zurück zu den TV-Experten kommen. Bei der Besetzung dieser Rollen ist ja in schöner Regelmäßigkeit Bewegung drin, für Fans mit Außenperspektive vielleicht gar nicht mal immer so direkt nachvollziehbar, warum welcher Ex-Profi plötzlich in eine Rolle als TV-Experte rutscht. Wie blickt ihr drauf?
Gunesch:
Wenn da keine Substanz dahinter ist oder wenn es einfach nicht passt, dann erledigt sich das relativ schnell von selbst.

Sender und Streamingplattformen sind natürlich schon oft auf der Suche nach dem perfekten Experten, mit dem man idealerweise mehrere Jahre einen gemeinsamen Weg geht…
Hummels:
Ich glaube, prinzipiell ist die Auswahl nicht sehr groß, was TV-Experten betrifft. Es gibt natürlich Spieler, die dafür infrage kommen aber auch hier wieder nur einige, die dann auch wirklich auffallen. Und dann müssen die Spieler auch noch selbst Bock drauf haben. Wäre mal interessant zu erfahren, wieviele Spieler ein solches TV-Experten-Angebot abgelehnt haben. Und dann hat jeder Sender, jede Redaktion noch eigene Vorstellungen: Wen wollen wir da eigentlich sehen? Jemanden, der sehr detailliert und analytisch sein kann? Oder jemanden, der besonders witzig ist? Da spielen viele Faktoren eine Rolle.

Wenn es um Resonanz geht zu dem, was ihr da tut, hast du ja, Ralph, die Möglichkeit, ins Internet zu gucken. Das schaut bei dir, Jonas, dann ja schon wieder etwas anders aus….
Hummels (schmunzelt):
Hey! Ich kann auch ins Internet gucken….

Wir spielen da eher auf eure Social Media-Präsenzen an beziehungsweise in deinem Fall, Jonas, die nicht vorhandene Social Media-Präsenz. Wie nimmst du es wahr?
Hummels:
Wenn etwas ganz blöd gelaufen ist, dann kriege ich von unserer Social Media-Abteilung mal einen Hinweis, dass es mich erwischt hat. Aber eigentlich vertraue ich da unseren Kollegen aus der Redaktion, die sind da schon sehr kompetent. Social Media ist mit Sicherheit ein Feedbacktool, aber es ist sicher auch ein bisschen so wie früher mit Leserbriefen: Da schreiben Menschen nur selten rein: „Supergeile Sendung, ich mag euch alle sehr gerne, viele Grüße, euer Hans.“

Ich halte es wie Marcel Reif, der ja bei den Zuschauern sowohl als Bayern-Fan und Dortmund-Fan verschrien war. Ich bin der Barça-Fan und der Real-Fan. Und das ist okay, solange dieser Pegel in beide Richtungen gleichermaßen ausschlägt.

Wie sieht es bei dir aus, Ralph?
Gunesch:
Ich habe da weiterhin Spaß dran, aber man muss wissen, auf welches Feld man sich begibt. Mit meinen nur 30.000 Follower ist es auch noch einigermaßen entspannt, solange wir da nicht im sechsstelligen Bereich sind, wo mir mein Handy abstürzt, wenn ich einen Tweet absetze und unzählige Benachrichtigungen bekomme, ist alles gut. Aber man merkt bei besonderen Spielen wie beispielsweise City gegen Liverpool zu Beginn des Jahres schon, dass da mehr Traffic auf dem Kanal ist. Ich bin ja schon ein paar Tage im Social Media-Geschäft dabei und kann das alles ganz gut filtern. Aber Blockieren – den Gefallen tue ich keinem.

Ihr habt beide einen Wunsch frei – wen holt ihr ins DAZN-Expertenteam hinzu?
Gunesch:
Wir haben Per [Mertesacker] doch schon.

Hummels: Ich finde so Typen halt gut, Christoph Kramer hat es gut gemacht. Max Kruse könnte ich mir auch gut vorstellen…

Gunesch: Glaub mir, das willst du nicht. Max hätte einen ganz anderen Ansatz. Dem musst du nicht mit dem abkippenden Sechser kommen…

Hummels: Ansonsten gibt es viele Spieler, die ich einfach super finde, die ich auch gerne als Experten sehen würde. Xabi Alonso, Raul, Zidane, Lampard, Xavi – das wäre sicher monsterinteressant.


Das Interview führten Lars Kranenkamp und Cord Sauer
Fotos: Paul Gärtner

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