Lügen im Fußball: Shitty Little Liars

„Die Trainerfrage stellt sich nicht“, sagte Michael Reschke am Samstag und schmiss dann am Sonntag Tayfun Korkut raus. Für seine Rechtfertigung bezog der VfB-Vorstand im Netz ordenltich Prügel. Dennoch steht er zu seiner These „Ein bisschen Flunkern gehört dazu.“ Stimmt das? Unser lebender Lügendetektor Thomas Poppe ist der Sache auf den Grund gegangen.


Die Wahrheit liegt ja angeblich auf dem Platz. Aber, jetzt mal ehrlich, der Spruch hat noch so viel Wahrheitsgehalt wie viele alte Fußballphrasen auch: Nach dem Spiel ist längst vor dem Insta-Posting, man muss keine 11 Freunde mehr sein, sondern nur 11 hochbezahlte Einzelkönner, ein Spiel dauert auch gern mal 95 Minuten und Abseits ist nicht nur, wenn der Schiri pfeift, sondern vor allem, wenn der VAR eingreift.

Der Shitstorm gegen Michael Reschke hat durchaus seine Berechtigung, allerdings müsste man dann Kicker wie Neymar für jede Schwalbe ähnlich angehen. Kaum ein Spieler gibt heutzutage zu, dass er noch am Ball war, obwohl sein Team Abstoß bekommt. Die Fans und die Medien sagen längst Dinge wie „clever gemacht“, wenn einer nach minimaler Berührung wie ein sterbender Schwan die rote Karte schindet – und wer bei leichtestem Kontakt im Strafraum nicht nach unten geht, nimmt „das Geschenk des Gegners“ nicht an. Die Aufrichtigkeit ist da schnell hinfällig – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aus „Mia san Mia“ wird „Mia san Reklamier“

Überhaupt wird ja gerne mal so getan, als hätte man nichts getan oder gesehen. Wenn es nach Manuel Neuers Armhaltung nach Gegentoren ginge, müsste der FCB sein Motto längst in „MiaSanReklamier“ ändern. Auch die Fanblocks müssten sich umstellen. Fangesänge wie „Wer wird Deutscher Meister – leider wieder FCB“, hätte die Süd in Dortmund die letzten Jahre sicher verschmäht. Auch bei der Eintracht wäre es bei „Schwarz und Weiß wie Schnee“ um einiges ruhiger. Schließlich hat kaum jemand wirklich „Die Eintracht im Endspiel (Pokalfinale 1974 und 1975) gesehen – mit dem Jürgen Grabowski“. Und den „U-U-EFA-Cup“ holt auch niemand mehr – auch wenn „die Eu-Eu-Euro-League“ echt kacke klingen würde.

Je wichtiger die Liga, desto größer die Lügen. In der Kreisliga gibt es wenigstens noch aufrichtige Sätze wie „Der muss doch morgen wieder arbeiten!“ oder „Der hat schon Gelb!“ und die Chance, dass die Fans wirklich wissen, wo das Auto des Schiris steht, ist auch deutlich höher. Zugegeben, dafür wird in der Kabine öfters mal der Suff vom Vortag („Zwei Radler, Trainer, mehr waren es nicht“) oder der feiste Furz („Ich geb’s sonst immer zu, ihr kennt mich, aber das war ich nicht und die Strafe zahl ich nicht“) geleugnet.

Stellt euch vor, es gäbe keine Lügen mehr im Fußball…

Im Film „Der Dummschwätzer“ kann Jim Carrey nicht mehr lügen. Irgendwie wäre es ja schon erfrischend, wenn der Fußball-Gott diese Eigenschaft über die Stadien des Landes ausschütten würde. In Leipzig würde man den Rasenballsport nicht mehr so hervorheben. Bei Auswechslungen könnte Kovac zum zornigen Ribery auch einfach mal „Digga, du bist fast 50 und hast kacke gespielt, geh mir nicht auf den Sack“ zurufen. Und das Highlight wären die Interviews: Nach jedem Spiel eine Mertesacker-Eistonne nach der anderen. Ein Philipp Lahm hätte wohl gesagt: „Sehen Sie, ich hab da so sechs oder sieben auswendig gelernte Sätze, die nichts aussagen. Ich sag die ihnen einfach ohne Fragen und sie schneiden das dann, wie Sie wollen“.

Zurück zu Reschke: „Ist Korkut morgen noch Trainer?“ – „Vielleicht. Klar wollen wir ihn rauswerfen und wir haben da gerade gute Gespräche laufen, aber die guten Coaches sind sau-teuer und dann diese Abfindungen immer, wir waren ja dumm genug, erst zu verlängern.“ – „Das heißt, Sie wollen ihn rauswerfen?“ – „Ja, haben Sie mal gesehen, was die Jungs die letzten Wochen für einen Stiefel spielen?“ So wäre das Interview mit Reschke in einer flunkerfreien Zone wohl abgelaufen. Ein komplett ehrlicher Fußball ist längst undenkbar geworden. Sätze wie „Meine Haare werden total filzig von diesem Shampoo, aber sie zahlen echt geil!“ von Bierhoff und Löw wird man genauso wenig hören, wie ein „Sorry, das war ’ne Schwalbe, ich bin ’ne peinliche Wurst und hab die Gelbe Karte echt verdient, Schiri“ von einem Neymar. Hier und da täte genau diese Ehrlichkeit dem Spiel und dem Drumherum aber ziemlich gut. Ehrlich jetzt.


Von Thomas Poppe
(ist ein überragender Autor und könnte noch viel geileres Zeug machen, aber diese DJ-Jobs beim örtlichen Gabelstapler-Cup sind ein größerer Klotz am Bein als er denkt, ehrliche Anm. d. Red.) 

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