Ribéry: Der letzte Tropfen auf das Hass-Fass

Wenn durch das Wut-Posting von Franck Ribéry überhaupt jemand gef*ckt wird, dann er selbst. Von sich selbst. Ins eigene Knie. Wir müssen nicht streiten, dass die Wortwahl des sonst so frechen Franzosen, einem Profi, Familienvater und Vorbild nicht passieren darf. Keine Debatte ist nötig, dass Ribéry wohl bis heute einer von der Straße wäre, wenn er nicht so gut kicken könnte. Ja, dass er es eigentlich sogar weiterhin ist, wenn man den Kontostand mal weglässt. Was bei all der berechtigten Kritik völlig auf der Strecke bleibt, ist die Vorgeschichte. Die Neid-Debatte um ein goldenes Steak, die vergrabene Gürtellinie, die bei so vielen Beleidigungen dennoch weit unterboten wurde und wird. Was sind wir Deutschen eigentlich für ein armseliges Fan-Volk geworden, fragt sich unser Platin-Gulasch Thomas Poppe.


Im Sommer haben wir Özil gegrillt. Wir, das sind freilich nicht alle. Aber die, die kein Öl ins Feuer gegossen haben, waren sicher auch keine Lautsprecher, als der Nationalspieler für so ziemlich alles zwischen der verkackten WM und dem eigenen miesen Kontostand verantwortlich gemacht wurde. Eben noch haben alle Boateng vor Gauland beschützt und jetzt waren viele selbst Hobby-Patrioten und haben beim Hymnen-Gesang genauer auf Özils Lippen geschaut als beim VAR auf die Abseitspositon des Gegners. Die deutsche Medienlandschaft, das Netz, der Fan – sie alle sind in nicht unsignifikanten Mengen ziemlich groß darin, eine Sau durchs Dorf zu treiben. Und am Ortsschild zu wenden und noch eine Ehrenrunde dran zu hängen, wenn es auch mal gut wäre.

Bei Ribéry läuft das eigentlich seit 10 Jahren so. Freilich hat er selbst alles getan, damit er ein leichtes Hass-Objekt ist. Mal schnell eine 17-jähriger Prostituierte weggeflankt, mehr Schläge in der Liga verteilt als Bud Spencer in einem Plattfuß-Film und halt auch immer einen Fick auf die Fans anderer Teams gegeben. Auf der Gegenseite gab es eben auch heftigsten Hass. Kein Sportler in Deutschland musste ähnlich viel schlucken. Nicht mal Gina Wild zu Glanzzeiten. Kinderficker, Behinderter, Spasti, asoziales Arschloch, Quasimodo, Hackfresse… – selbst, wenn Ribéry 150.000 Euro an syrische Flüchtlinge spendet, ist das Hass-Bingo in den Kommentarspalten schneller erledigt als die PK von Klaus Augenthaler, bei der er sich selbst interviewte.

Gesunder Fußball-Hass vs. ausufernde Beleidigungen
Wären solche Beschimpfungen bei Reus, Rebic oder Rüdiger ok und geduldet? Warum ist es eigentlich für alle cool, dass das passiert? Wo ist das Maß geblieben, wo die natürlich Grenze von gesundem Fußball-Hass, wo die Selbstregulierung der Fan-Gemeinde? Und ein drittes Mal zur Sicherheit: Ich verteidige hier kein Wort, kein Foul und keine Aktion von Ribéry. Wenn Tausende mit übelsten Schimpfwörtern über einen Menschen herziehen, dann ist das aber schon ein großes Glashaus-Steine-Ding, dass man mal anprangern sollte.

Dann wäre da noch das goldene Steak. Angeblich 1.200 Euro hat es gekostet. Ungeprüft von fast allen Medien übernommen und von Ribéry mit keinem Euro bezahlt, weil es für den Salzigen einfach geile PR war. Ribéry ist wahrscheinlich der hundertste Sportstar, der dort speist und es postete – auch Lewandowski war neulich erst dort. Aber weil er halt der Kinderficker ist, die Hackfresse, der behinderte Bauer, ist es ein gefundenes Fressen. Ein Volk von Neidern sind wir geworden, dem Flüchtling nicht die Hilfe gönnen, dem Nachbarn nicht das neue Auto und dem Sportstar nicht das goldene Steak. Da muss man nur mal in andere Länder schauen, welchen Respekt dort Sport-Legenden genießen und wie ihnen jeder Cent gegönnt wird.

Das ist sicher nicht die populärste Meinung, die ich hier tippe…
Und am Ende, da kann ich diesen Ausraster von Ribéry weiterhin nicht entschuldigen. Aber wenn einer zehn Jahre aus der untersten Schublade heraus beschimpft wirt, darf es am Ende auch keinen wundern, wenn der dann auch mal selbst in jene Schublade greift und der eine einzige falsche Kommentar gegen seine Familie das Hass-Fass überlaufen lässt.

Das ist sicher nicht die populärste Meinung, die ich hier tippe. Mit „Wie dumm kann man sein?“ lassen sich gerade Likes sammeln wie Payback-Punkte beim Großeinkauf. Doch wenn selbst SPD-Politiker Karl Lauterbach sich mit Hass und Häme zum Goldsteak äußern muss, wo doch Kollegin Chebli erst selbst wegen ihrer Rolex einen Shitstorm abbekam, dann muss man auch mal andere Fragen stellen. Es ist richtig, dass Ribéry eine dicke Geldstrafe bekommen hat. Es wäre richtig gewesen, wenn er für diverse Ausraster bestraft worden wäre. Es ist in Ordnung, wenn er auch künftig nicht gemocht wird. Aber wir sollten alle mal wieder bei uns anfangen. Besen, Haustüre und so. Dinge dann auch mal gut sein lassen, wenn alles schon hundertfach gesagt wurde und die Säue dann zumindest am Ortsschild wieder in Ruhe lassen. Sonst sind wir nämlich auch keinen Meter besser als Mister-Motherfucker.


Von Thomas Poppe
(gefeierter Superstar in der Redaktion, aber glücklicherweise noch Welten entfernt von Goldsteak & Rolex, Anm. d. Red.)