Die Europameisterschaft 2021 spaltet die Fußballfans. Zwischen „Endlich geht es los“ und „Hoffentlich ist es bald vorbei“ findet man zum EM-Start so ziemlich alle Meinungen.

Auch die FUMS-Redaktion ist gespalten: Ole-Jonathan Gömmel und Solveig Haas haben sich mit Mindestabstand an den Tisch gesetzt und ihren Gefühlen zum EM-Start freien Lauf gelassen.


Ich kann den EM-Start kaum erwarten, …“

In diesem Jahr gibt es wahrscheinlich viele Gründe, die Europameisterschaft zu kritisieren. Ich möchte heute jedoch nicht über die Tatsache diskutieren, dass die Ausrichtung der EM im Hinblick auf das aktuelle Pandemiegeschehen wohl eher nicht vertretbar ist oder mich drüber echauffieren, dass sie auf mindestens drei Fernsehsendern läuft und in noch mehr Ländern ausgetragen wird: Heute freue ich mich einfach nur, dass ein Fußballturnier beginnt und endlich mal wieder etwas Abwechslung in meinen Alltag bringt.

Nach über einem Jahr voller (berechtigter) Einschränkungen, begleitet vom ermüdenden Diskurs über das Monopolthema Pandemie und dadurch ausgelöster Probleme, bin ich mehr als bereit, mich in den nächsten Wochen voll und ganz einer kindlichen Fußballfieber-Naivität hinzugeben. Bedeutet: Beim Wort „Orban“ werde ich erst mal nur noch an „Innenverteidigung der ungarischen Mannschaft“ und nicht mehr an „irre Verteidigung europäischer Grenzen“ denken.

Im Laufe der vergangenen Saison habe ich mich in einem schleichenden Prozess emotional immer weiter vom Fußball entfernt – als am letzten Spieltag dann aber das erste Mal wieder ein paar Tausend Fans in einige deutsche Stadien durften, habe ich gemerkt, wie sehr ich den Sport mit all seinen Facetten vermisse – wie sehr Fußball mitreißen und begeistern kann. Die EM bietet mit ihrem bunten Teilnehmerfeld aus Nationalmannschaften (alle ohne arabische Großinvestoren im Rücken!), den verschiedenen Fans und dem K.O.-Modus den perfekten Nährboden, um meine Fußballbegeisterung wieder gedeihen zu lassen.

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Ich kann es kaum erwarten, dass der Wind das aufgeregte Gestikulieren von selbst ernannten Expert:innen aus dem Biergarten am Ende meiner Straße in mein Fenster tragen wird. Ich brenne darauf, morgens in der U-Bahn junge und alte Menschen zu sehen, die stolz das Trikot ihrer Nationalmannschaften tragen und sich fröhlich über die Spiele des vergangenen Abends unterhalten. Insgeheim freue ich mich sogar darauf, endlich mal wieder über den peinlichen Fußball-Patriotismus zu schmunzeln, der alle zwei Jahre in Autofähnchen und schwarz-rot-goldenen Grillwürstchen ausgelebt wird.

Die Europameisterschaft ist in meinen Gedanken mit einer heilen Welt verknüpft. Die Vorstellung, dass eine in einigen Teilen stark polarisierte Gesellschaft kollektiv vor dem Fernseher sitzt und aus verschiedensten Beweggründen dasselbe Ereignis verfolgt, ist eine Schöne und gibt mir manchmal eine fast pathetische Zukunftshoffnung.

Und auch wenn die EM am Ende wahrscheinlich eher wenig Einfluss auf das Leben der Gemeinschaft und des Einzelnen haben wird, freue ich mich darauf, mich in den kommenden vier Wochen dieser Illusion hingeben zu können.

Von Ole-Jonathan Gömmel


„Ich habe keinen Bezug mehr zu dieser Mannschaft“

Alle bereit? Haben alle Online-Pandemieexpert*innen jetzt wieder den Bundestrainer*innen-Hut auf? Noch nicht? Na dann aber schnell, heute Abend geht sie nämlich los, die EM-2021-äh-nee-2020. Und ich sag’s ganz ehrlich, ich hab gar keinen Bock. Wenn ich heute Abend einen Hut aufsetze, dann den Sonnenhut für die Außengastro der Ebbelwoi-Kneipe. Und dabei bin ich nicht mal radikal und konsequent Anti-Nationalmannschaft.

Klar, das ganze „Die Mannschaft“-Marketingkonzept tut weh und hat mit Fußballkultur gar nichts zu tun. Aber welche Auszeichnung es für einen Spieler ist, zu den Besten seines Landes zu gehören, das seh’ ich schon. 2014 hatte ich auch das Deutschlandtrikot an und lag meiner Sitznachbarin weinend in den Armen, während Bastian Schweinsteiger den WM-Pokal hochstemmte. (Übrigens ebenfalls in einer Ebbelwoikneipe.)

Ich hätte sie gern zurück, diese Sommer 2006 bis 2014. Das gemeinsame Fußballgucken in Kneipen, Biergärten und beim Public Viewing. Das durch die laue Nachtluft heimradeln, mit zu viel Bier intus und zusammenhanglos über das Spiel philosophierend. Die „Wo guckst du heute?“ und  „Was für ein Spiel!!“-Konversationen mit Familie, Freunden und Fremden beim Bäcker.

Aber, liebe Fußballfreund*innen, die Zeiten sind vorbei. Und daran ist nicht mal nur diese Pandemie schuld. Ich habe keinen Bezug mehr zu dieser Mannschaft, pardon, zur DIE MANNSCHAFT. Es ist mir wirklich herzlich egal, wie sie bei dieser EM abschneidet. Nicht mal die Tatsache, dass es das letzte Hurra (oder Buhuu) für den Bundestrainer wird, berührt mich, obwohl ich sonst sehr empfänglich für derlei Theatralik bin.

Man sieht den Jogi doch eh wieder, wenn nicht auf der Trainerbank, dann in der Niveawerbung. Genauso wie Kimmich, Neuer, Goretzka und wie sie alle heißen. Die Mannschaft ist überall, die Marketingmaschinerie DFB läuft auch wenn’s auf dem Platz komplett in die Hose geht. Das nervt. Das auffällige Schweigen und die Untätigkeit zu Rassismus, Queerfeindlichkeit und Menschenrechtsverletzungen im Fußball auch.

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„Es ist doch nur Fußball!“ Könnte man jetzt sagen. Aber das ist es nicht. Es ist immer auch ein Statement oder eben ein fehlendes. Der Fußball und auch der DFB projiziert das Bild einer heilen, schönen Welt, in der das größte Problem die Wahl des richtigen Rasierschaums ist. Und da bin ich raus. Es ist nicht mal eine aktive, radikale Ablehnung, aber ich kann mich damit einfach nicht mehr identifizieren.

Ich glaube, ursprünglich waren solche Turniere mal als Symbole gedacht. Als Feste des Fußballs, als Werkzeuge zur gegenseitigen Verständigung. Aber wenn „Die Welt zu Gast bei Freunden“ nur ein Marketingclaim bleibt, während Hass auf Minderheiten noch immer eine akzeptierte Meinung ist, wenn Fußballer*innen und Fans, die diesen Hass erleben, irgendwann frustriert schweigen, dann ist das eben nur noch eine Farce.

Ich würde mich freuen, eines Tages wieder begeistert die Nationalmannschaft anfeuern zu können. Wenn der DFB die Chance zur Erneuerung wirklich ergreift und Vorreiter wird in Sachen Inklusion und Gleichberechtigung. Wenn Katar kein Thema mehr ist, dafür aber mentale Gesundheit und Repräsentation von Minderheiten. Wenn die Stimmen der Fans, die all das schon lange umsetzen, wieder etwas zählen. Nur zum Beispiel. Bis dahin lieber Sonnenschein und Ebbelwoi. Sorry, Die Mannschaft.

Von Solveig Haas


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