In den letzten Wochen ging es täglich um die Bundesliga und vor allem um eine mögliche Rückkehr zum „regulären“ Spielbetrieb. Geisterspiele ab Mai, damit die Geldspeicher der Vereine wieder Nachschub erhalten. Unserem Home Office-Veteran Thomas Poppe kommt bei all den Gedankenspielen um die 1. und 2. Liga und deren Gekicke eine Sache zu kurz: Der komplette Rest der Fußballwelt. Ein Text über das Vermissen.


Kennt ihr noch diese Caro-Werbung? „Ich mag das schöne dieser Welt, ich mag den Wind im Roggenfeld, ich mag es, wenn der Tag erwacht und die Sonne dazu lacht…“. In den letzten Tage singe ich ihn im Kopf immer wieder. Aber als Fußballversion. Es lässt mich einfach nur kopfschüttelnd zurück, wie die Rückkehr der Bundesliga mit einer Rückkehr des Fußballs gleichsetzt wird, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit die stinknormalen Dorfplätze noch für Monate nur vom Mährobotern bearbeitet werden.

Fußball, du fehlst! Ja, die Bundesliga fehlt auch. Aber es ist doch jenseits dieser 22 Topverdiener so viel mehr, was noch auf der Strecke bleibt. Wenn man Leute wie DFL-Boss Christian Seifert hört, bekommt man das Gefühl, die Rettung von TV-Milliarden wäre das einzig erstrebenswerte Ziel in diesen Tagen. Wenn das Geschäftsjahr gerettet ist, ist alles gut. Als ob der Erftal Classico zwischen dem VfB Eichenbühl und dem FC Heppdiel nicht genauso wichtig wäre, wie Bayern gegen Dortmund. Zumindest aus Sicht der 22 Menschen im Trikot und der 80 bis 80.000 im Stadion. Als ob es gerade nur um Arbeitsplätze in den Profi-Klubs ginge, die durch – an der Stelle dickes Lob an die Spieler – großzügige Gehaltsverzichte abgefangen werden können, während der Fan, der bisher sein Erspartes zum Verein trug, um seinen Job bangt. Fußball ist so viel. So viel mehr als Samstag 15.30 Uhr.

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Fußball ist zwei Jacken im Park als Tor. Fußball ist ein Team mit – und ein Team ohne T-Shirt. Fußball ist Kids mit Blechdose im Pausenhof. Fußball ist Tipp-Topp, wer als Erster wählen darf. Fußball ist „Wer 10 hat, gewinnt“ oder „Drei Ecken ein Elfer“ auf dem Bolzplatz. Fußball ist der 7-Jährige, der das erste Mal mit Kickschuhen an den Ball tritt. Fußball ist Integration, Freundeskreis, Anker und Familie. Fußball ist Kneipe mit Freunden. Fußball ist…endlich eine Karte für den Lieblingsverein bekommen. Fußball ist eine fettige Bratwurst und ein Becher Bier im Stadion. Fußball ist Kreisliga-Treffpunkt um 11 Uhr und alle mit Sonnenbrille, obwohl es bewölkt ist. Fußball ist Zeltlager mit den kleinen und Malle-Fahrt mit den großen Jungs und Mädels. Fußball ist… in der 50. Minute auf die Toilette müssen, aber bis zum Abpfiff nicht gehen, weil man was verpassen könnte. Fußball ist das Thekenturnier, bei dem Werner vor 14 Jahren mal eine Bude gemacht hat, von der er noch heute erzählt. Fußball ist so viel mehr.

Re-Lives von geilen Spielen fühlen sich an wie eine Wiederholung von „Sixth Sense“. Ja, sicher gutes Niveau – aber der große Spaß ist weg, wenn du weißt, dass Bruce Willis die ganze Zeit tot ist. Es ist toll, wenn man alte Momente sieht – aber wir brauchen neue. Dringend. Viele davon werden auch mit Geisterspielen nicht zurückkommen, weil Fußball einfach so viel mehr ist. Aber ein paar vielleicht. Und so würde ich dann doch hinschauen, wenn der Ball wieder rollen würde. Durch ein weinendes und ein lachendes Auge. „Ich mag, wenn Fluchtlicht uns erhellt, ich mag es, wenn ne Bude fällt, ich mag Bolzen bis um acht und wenn jemand Beinschuss macht. Ich mag den Weg zum Stadion hin, ich mag es noch mehr schließlich drin, ich mag 2. Mannschaft spielen und das 2:8 erzielen…“. Dieser Song im Ohr schmerzt gerade härter, als der „Egal“-Ohrwurm, den der Wendler mir vor ein paar Wochen eingepflanzt hat. Und all das wird auch nicht zurückkommen, wenn vielleicht schon Anfang Mai der Ball wieder rollt. Fußball, du fehlst.


Von Thomas Poppe
(braucht mal wieder ne anständige Roland-Kaiser-Therapie. Oder PUR, Anm. d. Red.)

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