Geisterspiele sind nur der Anfang. Wer es „zu Ende denkt“, wie DFL-Chef Christian Seifert fordert, wird zwangsläufig zum Ergebnis kommen, dass der Spielbetrieb nicht mehr lange aufrecht zu erhalten ist. Man muss Corona als dornige Chance begreifen, auch wenn das heißt, erstmal lieber gar nicht zu spielen, als falsch zu spielen. Unser FUMS NEWS-Host Jan Budde findet: Der Virus ist für die Bundesliga wie ein Sprung in die Zukunft, Fußball ohne Fans ein ernstzunehmender Testlauf.


Bis vor Kurzem herrschte noch entspannte Stimmung auf den Rängen und Plätzen der Nation. Der von Tau bedeckte Allergiker-freundliche Kunstrasen glänzte im Licht der zart aufgehenden Frühlingssonne, während sich die Vereinsoffiziellen am Seitenrand zur Begrüßung klassische Kinderschwüre pflegten – nicht selten auch stilecht mit ordentlich Rotze in der Hand. Jemandem nicht die Hand zu geben und selbige dennoch regelmäßig waschen zu müssen, waren die drastischsten Auswirkungen auf den Alltag der meisten.

Inzwischen ist der Handshake eine gefühlte Tätlichkeit oder nimmt zumindest die Verletzung des Gegenübers billigend in Kauf.

Absurd: Die Geisterspiele in der Bundesliga lassen Corona nun auch den Letzten realisieren, dass die Bedrohung existiert. Corona is real. Inzwischen muss allen klar sein: Infizierte Protagonisten aus dem Fußball wie Timo Hübers (Hannover 96), Daniele Rugani (Juventus Turin) oder Mikel Arteta (Arsenal FC) bilden nur die Spitze des Eisbergs ab, weitere Profis und Funktionäre werden folgen. Corona macht vor dem Fußball nicht Halt. Der Spielbetrieb, vielerorts schon eingestellt, darf auch in Deutschland nicht länger aufrecht erhalten werden. Alle Spiele am Wochenende absagen! Sofort! Wenn auch nur noch ein Ball rollt, wäre es an Inkonsequenz nicht zu überbieten.

Auf europäischer Ebene ist das bereits spürbar. Scharfe Restriktionen zur Verlangsamung der Ausbreitung des Corona-Virus schränken das gesellschaftliche Leben und den Fußball als Teil davon ein. Die Mannschaft des AS Rom reist nicht nach Spanien und Inter Mailand tritt von allen Wettbewerben zurück. Egal, wie sehr die UEFA es auch will: die paneuropäische EM 2020 ist nicht mehr realisierbar. Die Frage, ob es Maßnahmen geben wird und wie angemessen diese sind, ist längst obsolet, viel entscheidender ist inzwischen, wie die langfristigen Folgen für den Fußball aussehen.

Gestern noch gefühlte Fußball-Übersättigung, hitzige Debatten, DFB- und Hopp-Proteste. Und jetzt? Der Corona-Virus sollte als Chance für den Fußball begriffen werden. Die Diskussion um Dietmar Hopp hatte sich auf einen Personenkult reduziert und es drohte in Vergessenheit zu geraten, worum es den meisten Kurven wirklich geht: Kollektivstrafen. Jetzt merkt der Fußball notgedrungener Maßen, Fußball ohne Fans ist wie der dickliche sportingbet Ronaldo, einfach nicht dasselbe und nur für Wettanbieter wirklich spannend. Oder wie es Sky-Kommentator Martin Groß im leeren Borussia-Park beim Geisterspiel Gladbach vs. Köln zusammenfasste: „Das hat was von Sonntagmorgen, D-Jugend, Kleinfeld.“

Die DFL will den Spielbetrieb unbedingt aufrechterhalten, primär aufgrund von ökonomischen Motiven, Lizenzen und Verträgen und gerade für kleine Vereine ist die Lage finanziell bedrohlich auf Grund laufender Kosten. Der Präsident von Aue machte klar, dass er Personalkürzungen in Erwägung ziehen muss. Hier müssen solidarische Maßnahmen gefunden werden, die im Fußball normalerweise Mangelware sind. Da reicht kein T-Shirt in Vereinsfarben und keine Symbolpolitik wie bei Rassismus, eine Regenbogen-Kapitänsbinde bei Sexismus und Spielunterbrechungen zum Schutz der Ehre eines Milliardärs.

Es verdeutlicht ganz klar: Fußball muss gesundschrumpfen. Corona ist wie ein Sprung in die Zukunft, der zeigt, wie Fußball ohne Fans, kritische Masse und diverse Vereinslandschaft aussieht. Was passiert also, wenn die Spielzeit 19/20 gestoppt wird? Das Fairste wäre wahrscheinlich eine Annullierung… ich höre jeden Bielefelder bis hierhin kotzen, jeden in dieser Saison entlassenen Trainer höhnisch lachen und Schalke-Trainer David Wagner ordentlich durchpusten. Vielleicht wäre es also noch fairer, die Liga aufzustocken von 18 auf 20 Teams – keine Absteiger, dafür nur Gewinner. Wenn Corona für irgendetwas gut ist, vielleicht dann dafür, den Fußball solidarischer, überschaubarer und fairer zu machen – halt wieder ein bisschen mehr wie sonntagsmorgens, bei der D-Jugend, auf dem Kleinfeld.


Von Jan Budde
(D-Jugend, Anm. d. Red.)

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