Hamburg, meine Güte!

Man lacht ja gern, wenn sie in Hamburg wieder zeigen, was man alles falsch machen kann im Profi-Fußball. Neuer Trainer, neuer Vorstand, Grill-Party, Abstieg, Nicht-Aufstieg – die Liste ist lang und hat in den letzten Jahren für deutlich mehr Erheiterung gesorgt als Stand Ups von Mario Barth. Über den neuesten Streich kann aber selbst der hämischste Fan nur noch mit dem Kopf schütteln: Die Vereinsführung sägt die Hymne „Hamburg, meine Perle“ ab – unsere Voice of Bundesliga, Thomas Poppe, findet deshalb deutliche Worte.


Ich kann „Im Herzen von Europa“ auswendig. Wenn „Lebenslang grün-weiß“ bei Werder-Heimspielen läuft, singe ich im Kopf genauso mit wie bei der „Elf vom Niederrhein“ und sind wir mal ehrlich: Wer hatte noch keinen Ohrwurm von „Heja BVB“? Es gibt wenig, auf dass ich bei anderen Teams neidisch bin. Vor allem aber auf die geilen Hymnen anderer Vereine, die ich nie aus voller Kehle mitgröhlen werde. Spieler kannst du kaufen. Hymnen nicht. So ein Kult-Lied, das kannst du nicht planen. Das passiert, das passt oder eben nicht. Erst nur ein Song, dann plötzlich Kult und irgendwann so wichtig wie das Spiel selbst, weil zigtausende Schals in die Höhe gehen und vom kleinen Jungen bis zum härtesten Ultra alle für drei Minuten eine laute Stimme werden und Massengänsehaut verursachen. Für das, was da in der Vereinsführung beim cHaoSVerein mal wieder passiert, hab ich nur drei Worte: Oh Moin Gott!

Wenn ich Bernd Hofmann reden höre, „dass das Lied (…) in der aktuellen Situation überhaupt nicht mehr zum HSV und zu unserer Haltung“ passe und dass man „ den Fokus am Spieltag noch stärker auf den aktuellen Fußball legen“ wolle – da ploppt in mir unwillkürlich die Frage auf „WAS DARF SATIRE???“ – ernst kann er das ja kaum meinen. Wie weit weg kann man von der Fanbase sein, damit man solche Entscheidungen trifft? Allein diese Hammer-Hymne banal als Lied zu bezeichnen, als würde Helene Fischer in der Halbzeit „Atemlos“ trällern, allein dafür müsste Hofmann eigentlich die nächsten zehn Jahre wöchentlich mit den Fans grillen. Ist ja auch nicht so, als ob man mal die Fans hätte fragen könne, was sie wollen. Und Diggi, was ist mehr Fokus auf Fußball, als die verdammt Hymne zu spielen, bei der sogar die Fans des Gegners aus Respekt die Klappe halten? Und ja, der HSV Supporters Club forderte ebenfalls Veränderungen und war mit Passagen des Songs uncool. Ein gigantischer Teil der Fans aber eben schon, zumal man ja auch einfach nur Zeilen hätte umtexten können.

Whats next? Kreis statt Raute auf dem HSV-Logo?

„Wir haben diese Entscheidung sehr intensiv durchdacht und besprochen“, hat Bernd Hofmann noch betont. Junge, junge, da möchte ich nicht wissen, was er getan hätte, wenn es unüberlegt passiert wäre. Völlig ohne Not so eine Nummer. Wahnsinn. Was kommt denn als nächstes? Weg von den roten Hosen? Kreis statt Raute auf dem Logo? Seitenbacher-Werbung bei jedem Eckball? Gebt am besten noch Uwe Seeler Stadionverbot und lasst die neue Hymne von Elton singen. Sogar die Bayern haben kapiert, dass man keine blauen Hosen anzieht, weil das die 60er tun. Auch Hertha kapierte schnell, dass da „Nur nach Hause“ von Frank Zander laufen muss, als bei einem Heimspiel der Ablaufplan geändert wurde und kurz vor Anpfiff Seeed lief. Ich bin gespannt, ob man in Hamburg noch hört und liest, was unfassbar viele Fans und sogar Nicht-HSV-Fans wütend von sich geben.

Vielleicht wird der Kran, auf dem Lotto King Karl stand, ja für den Wiederaufbau gebraucht. Oder es war alles nur ein großer PR-Coup und der HSV präsentiert nächste Woche einfach nur die 2019er-Version von „Hamburg meine Perle“. Unwahrscheinlich. Deshalb bleibt mir nur zu hoffen, dass die Fans das Lied einfach selbst singen. Jedes Heimspiel. Fünf Minuten vor Anpfiff. In Hamburg haben sie Glück. Da gibt’s mit „Mein Hamburg lieb ich sehr“ direkt noch einen Song mit Hymnen-Potential. Der könnte es schaffen, wenn er denn tatsächlich als Nachfolger ausgewählt werden würde. Aber auch da finden sie sicher eine Begründung, warum irgendwas nicht passt zum HSV. Aktuell hat man in Hamburg auf jeden Fall in Sachen Stadionhymne weniger Tradition als Leipzig und Hoffenheim. Muss man auch erst mal schaffen.


Von Thomas Poppe
(braucht keinen Kran – Gabelstapler reicht, Anm. d. Red.)