Relegation 2020, Rückspiel. Für Werder Bremen scheint nach einem erneut ernüchternden Auftritt (0:0) gegen stabile Heidenheimer nun im „Albstadion“ alles möglich: Vom dreckigen Unentschieden, über Klassenerhalt durch 1:0-Siegtreffer von Claudio Pizarro im letzten Spiel seiner Karriere bis hin zum staubtrockenen Abstieg – wundern würde unseren FUMS-Pizarro Lars Kranenkamp mittlerweile nichts mehr. Gedanken zur möglichen Neuausrichtung passend zur von den Bremern kommunizierten Analysewoche.


Völlig unabhängig vom Ausgang: Werder Bremen ist am vorzeitigen Ende einer nie dagewesenen Talfahrt angekommen. Der Ritt auf einer zermürbenden Abwärtsspirale aus Rasierklingen, die aus meiner Sicht nicht seit Monaten oder der gesamten Saison anhält, sondern seit Jahren, genau genommen einem Jahrzehnt. Aus dem sympathischen Underdog von der Weser, dem veritablen Produzenten für Fussballwunder und permanenten Herausforderer des Rekordmeisters in komischen Lederhosen ist ein herkömmlicher Klub geworden. Ein herkömmlicher und äußerst gefährdeter Klub.

Für diese Woche ist die große Analyse angesagt. Verschiedene Gremien sitzen zusammen und beraten darüber, was war, wie es soweit kommen konnte und vor allem: was sein wird. Bei Werder geht’s um viel: Zur Disposition stehen der Trainer, der Sportdirektor und aus meiner Sicht auch die Reputation und Glaubwürdigkeit des ganzen Vereins. Dabei greifen die branchenüblichen Mechanismen hier noch nicht einmal in vollumfänglicher Weise. Der Klassiker „Sportdirektor hält an Trainer fest, Trainer schafft es nicht, Sportdirektor und Trainer müssen gehen“ ist an dieser Stelle kaum zu erwarten. Zu lange haben sich die leitenden Werderaner miteinander eingeschworen, symbolisch untergehakt und an ihrer Wagenburg aus Glaube, Liebe, Hoffnung gebaut – für den Trainer, für die Mannschaft, für die Öffentlichkeit, für sich.

Grün-Weiß am Abgrund: Werder, das war’s

Die Analyse in grün-weiß könnte in haarsträubender Konsequenz ausfallen. Im Gegensatz zur nahezu gesamten übrigen Fussballwelt (exklusive Freiburg – immer!) wäre es in Bremen durchaus denkbar, dass man nach getaner Analysearbeit gemeinsam vor die Mikrofone tritt und die bisher zu Tage getragene Geschlossenheit kollektiv erneuert. Denn – und das ist mit Blick auf die zurückliegenden Jahre spektakulär – man ist intern an entscheidender Stelle vom eigenen Weg nach wie vor überzeugt.

Weg? Welcher Weg überhaupt?? Wenn man die Entwicklung (!) seit dem letzten Titel 2009 genauer betrachtet, erscheint einem die einst riesige Vereinsneigung zur Kontinuität im Laufe der Jahre immer weniger als Lust und immer mehr als Sehnsucht, wenn nicht sogar als Sucht. Die bei den Verantwortlichen vorherrschende Obsession, das grünweiße „Dynamische Duo“ aus Trainer und Sportdirektor müsse überdurchschnittlich eng miteinander agieren und harmonieren, dominiert bei personellen Entscheidungen nahezu ausschließlich. Ein Ergebnis dieser Zwangsphilosophie ist Florian Kohfeldt. Der Mann, der mit „seiner“ Mannschaft diese Horrorsaison nach außen zu vertreten hat, was er in seinem Rahmen sogar überdurchschnittlich gut macht. Man stelle sich vor, Kohfeldt würde aktuell nicht mit dieser smarten, ihm gegebenen, Eloquenz und Souveränität glänzen und das ganze Desaster zu allem Überfluss noch verbal zersägen. Nein, der 37-Jährige erledigt diesen Teil seines Jobs tatsächlich sehr solide – da reicht es auf jeden Fall für Europa quasi.

Bundesliga-Legende tritt ab: Ode an Claudio Pizarro

Diese genannten Kompetenzen täuschen dann und wann aber auch darüber hinweg, dass er im Kerngeschäft erheblich unterperformt. Gut, man hätte ihm einen gestandenen Trainer oder sportlich kompetenten Partner an die Seite stellen können. Man hätte mit ein wenig Weitsicht sagen können: „Flo, die kommenden Jahre werden vermutlich komplizierter als einfacher und wir wollen dich nicht verheizen, sondern fördern“. Hat man aber nicht. Man ließ sich vermutlich überrumpeln – überrumpeln von sich selbst und der eigenen Verliebtheit in diesen Trainer. Den Mann, von dem Offizielle wie Medien und vor allem wir Fans komplett verzaubert waren und von dem sich in Kürze zeigen wird, ob er sich denn selbst überhaupt noch für den Richtigen an Ort und stelle hält. Sowas kann passieren. Aber darf es das? Darf man sich von sowas leiten lassen, wenn man einen Bundesligaverein zu führen hat? Auf Basis der Sehnsucht nach Kontinuität und Stallgeruch?

Apropos „Stallgeruch“: Sollte es diesen Stall wirklich irgendwo geben – fackelt das Ding ab, sofort! Im Ernst, der „Stallgeruch“ gehört für mich ich die dreckige Kiste der späten 90er.  Jeder Verein braucht Leute, die sich im selbigen auskennen und ihn verstehen. Als Bauer, der den Stallschlüssel hat, solltest du aber auch dafür sorgen, dass ausreichend gelüftet wird. Sonst Erstickungsgefahr, merkste selbst, ne!?

Werder-Fans scherzen über mögliches Düsseldorf-Tor und dann passiert es

Der genannte Duft war seinerzeit auch das schlagende Argument in der Vita von Frank Baumann. Der Sportdirektor des SVW arbeitet viel – das weiß man. Dass ihm der Verein als Ex-Werderaner am Herzen liegt sollte ebenfalls nicht bezweifelt werden. In Sachen Medien- u. Außendarstellung ist sicherlich ein Stück Bremer Luft nach oben (ich bin da gern und regelmäßig konstruktiver Kritiker), aber für die eigene typisch „dröge“ und dezente Art ist Baumann nicht wirklich ein Vorwurf zu machen, auch wenn sowas im Weder-Umfeld und bei den Fans durchaus Tradition hat. (Kleiner Exkurs: Ich erinnere an die wöchentliche Empörung über Mesut Özil, der es im Werder-Trikot Woche für Woche wagte, eher durch brilliante Einzelmomente zu glänzen anstatt sich regelmäßig wir ein Ringer in den Staub zu werfen. Letzteres war dann aber natürlich jedes Mal Kritikpunkt vieler.) Was ich sagen will: Frank Baumann ist keiner, der es einem konstant über Monate recht machen könnte. Dennoch hat er einiges vorzuweisen in seiner Zeit an der Weser: Die Liste guter und angemessener (wichtig im Werder-Kontext!) Transfers ist lang, in wilden Zeiten ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen und im Verein ist Baumann von jeher weitgehend unumstritten.

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