FUMS

Das erste Mal Bundesliga-Stadion war toll. Eintracht gegen Düsseldorf. Ein Sechsjähriger, erschlagen von Eindrücken, das Spiel fast Nebensache. Das war 2019 und Anton hatte noch nicht mal einen Lieblingsverein. Dann kam Corona und Geisterspiele. Der Onkel gab alles, dass die SGE Antons Herzverein wird. Ich war überheblich genug zu glauben, dass er dank Quadruple automatisch Bayern-Fan wird. Am Ende landete er bei Borussia Dortmund, wegen Haaland, Bellingham und Moukoko und am 34. Spieltag zum ersten Mal im Westfalenstadion. Ein Erlebnisbericht von Anton & Papa.


34. Spieltage sind ja immer so eine Sache. Von Last-Minute-Meisterschaften bis müden Sommerkicks ist alles drin. Aber als die Chance auf zwei Karten kam, war dann doch recht schnell klar, dass wir sie nutzen wollten. Wenn du in Unterfranken lebst, dann ist Stadion in Dortmund einen 16-Stunden-Ausflug entfernt. Aber für einen 9-Jährigen ist ICE-Fahren ja schon so etwas wie cooles Vorprogramm. „In Essen mussten wir umsteigen und da waren schon viele BVB-Fans“, steht in Antons Text. Man lächelt ihn an, weil er selbst ein Trikot trägt. Wattenscheid und Duisburg fliegen vorbei. Papa erzählt von 1900-irgendwas, als die alle noch Bundesligisten waren.

Kinder ordnen Dinge super spannend ein. Jeder Hertha-Fan zwischen 4 und 94 ein potentieller Hooligan. Am Bahnhof laufen wir an einem großen Pulk vorbei, der gerade einen Anti-Union-Song brüllt und uns keine Beachtung schenkt. Wir geben einem Obdachlosen unsere Pfandflaschen und Anton freut sich, weil der Mann sich so freut. „Mit einer vollen U-Bahn sind wir ins Stadion gefahren“. Dorfkinder finden andere Dinge beeindruckend als Berliner. U-Bahnen. Voll. Im BVB-Museum die ganzen Dramen und Erfolge. Papas glänzen vor Kids mit ihren persönlichen Erinnerungen an den Torfall von Madrid. „Die kaputte Brille von Jürgen Klopp“ bleibt bei Anton besonders hängen. Und natürlich die ganzen Pokale. Alles zwischen „super cool“ und „wann endlich Stadion?“ Jetzt!

Sofort voll mit dabei

Es ist natürlich eine heftige Pathos-Peitsche, aber einen Neunjährigen zu beobachten, wie er diese letzten Meter Betontreppe ins Stadion geht und seine Kinnlade herunterklappen zu sehen, wenn er realisiert, wo er da gelandet ist, ist unfassbar schön. „Es war groß und toll“ schreibt Anton in seinem Erlebnisaufsatz. Im Stadion sagt er fast poetisch: „Ich bin ziemlich überwältigt!“. Ob er auch so ein Trikot-Schild malen will, wurde vorher gefragt. Aber die Schilder findet er irgendwie blöd. „Warum hält man die schon beim Spiel hoch, als ob da ein Spieler beim Eckball schauen würde“, hat er sich fast lustig gemacht und: „Ich hab ja ein Trikot, ich hätte nur gern ein Autogramm drauf.“ BVB-Songs hat er geübt und darf jetzt immer wieder zeigen, was er kann. „Die schwarz-gelbe Wand hat für Michael Zorc (Susi) seinen Namen mit Schildern geschrieben.“ Er kennt ihn kaum. Vor seiner Zeit, aber er applaudiert kräftig. Bei „You’ll never walk alone“ wird der neue Schal in die Luft gestreckt.

„Hertha hatte einen guten Angriff, ein Dortmunder foulte und es gab Elfmeter. Er machte ihn sehr cool rein“ ist drei Tage später das nüchterne Fazit zur Berliner Führung. Im Stadion selbst war da ganz viel Freud und Leid. Alles hat er genau gesehen, obwohl 100 Meter Luftlinie zwischen Sitzplatz und Tatort lagen. Dann Hoffnung wegen VAR, dann wieder Aufregung und noch mal Hoffnung, weil Bürki den doch einfach halten muss, weil es sein letztes Spiel ist. Sich anstecken lassen von den Emotionen der anderen. Kurz vor der Pause die ersten BVB-Chancen. Schnell schon zum Klo und dreißig Sekunden verpassen? Ungern! Fachsimpeleien am Urinal. Ob Moukoko kommt? Ob Haaland noch ein Tor macht? Nix gegen den Dopa, aber das ist viel größer. Als die Hertha-Spieler sogar bei Fouls gegen BVB-Spieler zum Zeitspiel liegen bleiben, wird Anton auch mal sauer. Da muss man doch mal was unternehmen. Oder endlich das 1:1 schießen. „Bynoe-Gittens ist toll, wenn ich ein neues Trikot bekomme, muss der auf dem Rücken stehen.“

Der BVB und ein neuer größter Fan

Im Minutentakt die Frage, wie lange es noch geht. Als der VAR Handelfer gibt, fragt Anton, warum es dieses Mal keine Pfiffe gibt. Inkonsequent von der Süd findet er das, weil ja beim Elfer für Hertha auch der DFB noch eine Fußballmafia war. Diese Differenziertheit muss er echt noch ablegen, wenn er ein guter Fan werden will. Haaland trifft. Jubel. Alle jubeln. Schals in der Luft. Schnell mitmachen. Mitsingen. Namen 3x brüllen. „Lässig verwandelt“ schreibt Anton. „Glück gehabt“, erkläre ich ohne schwarz-gelbe Brille. Jetzt muss auch der Sieg her. Und Moukoko. Wann kommt der endlich? Pongračić läuft in Richtung Seitenlinie. Fassungslosigkeit für fünf Sekunden, bis auch Moukoko den Weg antritt. Applaus für Witsel. Schade, dass er geht. Toll, dass Moukoko da ist. Und wie er da ist. Siegtor. Jubel. Das Tor in Stuttgart macht die Runde. Abpfiff. „Das Stadion freute sich, bis auf die Hertha-Fans, denn alle sangen ‚zweite Liga, Hertha ist dabei‘. Ich auch.“ Ob er da mitsingen soll, hat er gefragt und war dann ganz froh, dass ich mit „Naja, eigentlich ist man ein guter Gewinner, aber heute ist es ok, weil die so viel auf Zeit gespielt haben“ geantwortet habe. War dann doch viel los, wo es eigentlich um so wenig ging.

Gelbe Wand

Fußmarsch zum Bahnhof. Überall zufriedene Gesichter. Fachsimpeleien zur neuen Saison. Vielleicht doch ein Adeyemi-Trikot? Aus drei Stunden Rückfahrt wurden dank der deutschen Bahn fast 6. Danke noch mal an der Stelle, dass der Zug von Düsseldorf nach Frankfurt nur bis Köln fuhr, mit der Begründung: „Fährt heute nur bis Köln.“ 16 Stunden auf Achse für 90 Minuten Ballspiel. Nüchtern betrachtet ein einziger Wahnsinn. Auch was das alles kostet. 15.000 Schritte, 600 Kilometer Schiene, eine Millionen Eindrücke. Um halb 2 endlich im Bett. BVB-Bettwäsche. Als Kind schon darin geschlafen. Wann der neue Spielplan kommt und ob wir das mal wieder machen können, will er noch wissen. „Das war ein richtig tolles Erlebnis“. Fußball, du kannst es noch.

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