Rassismus, Sexismus, Ableismus. Gefühlt teilt sich die Fußball-Welt – vor allem in den Sozialen Medien – gerade in zwei Lager: Diejenigen, die auf derlei Probleme aufmerksam machen und die, die das alles völlig überzogen und empfindlich finden. Wellen der Aufregung schwappen von Plattform zu Plattform, ihnen entgegen stellen sich wie Wellenbrecher diejenigen, die sich oder ihre Kolleg*innen vehement verteidigen. „Wir sind bestimmt keine Rassisten, der Kollege ist sicher kein Sexist, das ist alles übertriebener Quatsch und Cancel Culture!“, hört man von ihnen. Aber so einfach ist es nicht. Ein Kommentar von Solveig Haas.


Ob Fussballkommentator*innen Rassist*innen, Sexist*innen oder andere -ist*innen (Alter!) sind, sollte von uns Außenstehenden wirklich niemand beurteilen. Das ist aber auch egal. Das Problem ist, dass sie in einem System arbeiten, in dem sie sich nicht einmal Gedanken darüber machen müssen, wie solche Äußerungen wirken.

Man kann ein guter Mensch sein und trotzdem unbedacht Rassismen reproduzieren. Man kann eine Fussballlegende sein und sein Leben lang mit Menschen aller Herkunftsländer gearbeitet und gelebt haben – und trotzdem Rassismen reproduzieren.

Solange wir die Welt in „gute Menschen“ und „Rassist*innen“ einteilen, werden wir das Problem nicht lösen.

Schwierige Aussagen wie beispielsweise Dahlmanns „Land der Sushis“ rutschen halt mal raus, das stimmt. Aber das passiert, weil wir in einem strukturell rassistischen System leben und das noch viel zu wenig hinterfragen. Ja, wir. Nicht die. Verantwortung wegschieben ist nicht. Denn es geht nicht darum, was „mal rausrutscht“, sondern wen es trifft. Für Menschen, die ohnehin täglich von Rassismus betroffen sind, die nach Hautfarbe und angenommener Herkunft be- und verurteilt werden, die tagtäglich Angst vor rassistisch motivierter Gewalt haben müssen, für diese Menschen sind solche Kommentare keine peinlichen Momentchen. Für sie ist es ein weiterer Tropfen im Fass der alltäglichen Diskriminierungen. Wenn sie das dann anprangern und laut werden, heißt es schnell „Shitstorm“ und „Empörungskultur“. Dabei wäre der richtige Schritt einer privilegierten Gesellschaft, still zu werden und zuzuhören, damit diese Menschen nicht mehr so laut sein müssen.

Genau hier braucht es bei uns den Perspektivwechsel. Wir müssen weg von „Aber ICH bin kein*e Rassist*in!“ und hin zu „Wen habe ich mit meiner Aussage verletzt und warum?“

Niemand ist fehlerlos und internalisierte Rassismen sind per Definition oft schwer aufzudecken. Aber das befreit uns nicht von der Verantwortung, das zu tun. Wir müssen aufhören zu betonen, dass wir keine Rassist*innen sind und anfangen, es zu beweisen. Den Menschen zuhören, die durch unser System diskriminiert werden und aufarbeiten, wo diskriminierende Denkweisen in uns verankert sind. Je größer die eigene Plattform, desto größer ist auch die Verantwortung dafür, dass diese Plattform für alle Menschen ein sicherer und angenehmer Ort ist.

Dazu gehört, Kritik auch zu hören, wenn sie mit unserer eigenen Lebensrealität nichts zu tun hat, oder im Idealfall Menschen zu beschäftigen, die diese Lebensrealität kennen und verstehen. Bis wir das tun, ist der Rauswurf eines Kommentators oder einer Kommentatorin, der/die sich falsch verhalten hat, nämlich wirklich Cancel Culture. Nicht gegenüber des/der Reporter*in, sondern gegenüber ihren/seinen Kritiker*innen. Die Message geht verloren, wenn ohne Einordnung nur das Symptom behandelt wird.

Von Solveig Haas


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