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„Wir sind offen“, „Wir sind tolerant“, „Kein Rassismus“, „Kein Antisemitismus“, „Nie wieder“ – alles Versprechen, die gerade Profivereine gerne geben. Worte, denen nicht immer Taten folgen. Gerade beim Thema Antisemitismus hinkt ausgerechnet der deutsche Fußball noch hinterher. Ob sich alle Teams hier an ihre Zugeständnisse halten, lässt sich kaum sagen, weil teilweise noch keine gemacht wurden. Unsere Autorin Eva-Lotta Bohle hat sich dem Thema angenommen.


Am frühen Nachmittag des 09. Februars 2021 verkündeten vier Vereine der ersten und zweiten Bundesliga der Männer, dass sie die folgende Antisemitismus-Arbeitsdefinition angenommen haben:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), 26.Mai 2016

Die Arbeitsdefinition von Antisemitismus kann nicht nur von Regierungen der bisher 34 Mitgliedstaaten angenommen werden, wie beispielsweise von Vorsitzland Deutschland im Jahr 2017, sondern eben auch von Fußballvereinen: Der 1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach, Fortuna Düsseldorf und der VfL Bochum reihten sich im Rahmen einer Online-Veranstaltung mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen, in die noch bedenklich kurze Liste von 13 Vereinen (inklusive der DFL) ein, die die besagte Definition der IHRA bereits angenommen haben.

Vereine, die die Arbeitsdefinition von Antisemitismus bereits angenommen haben:

  • Bayern München
  • Eintracht Frankfurt
  • Borussia Dortmund
  • Borussia Mönchengladbach
  • 1. FC Köln
  • FC Schalke 04
  • VfL Bochum
  • Fortuna Düsseldorf
  • FC St. Pauli
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Für den 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach sei es laut eigener Aussage eine Selbstverständlichkeit, sich der Definition anzuschließen. Diese Selbstverständlichkeit scheint allerdings noch nicht im Rest des deutschen Fußballs angekommen zu sein. Das überrascht und gibt zu Bedenken. Initiativen zum jährlichen Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar werden auch von den Vereinen des deutschen Fußballs getragen, der markante Spruch „Nie wieder“ findet sich zu den sogenannten Aktionsspieltagen in Stadien in ganz Deutschland. Um dieses „Nie wieder“ allerdings zu stärken, ist Arbeit notwendig, denn Antisemitismus bekämpft sich nicht von alleine und ist auch nicht mit Ende des NS-Regimes von der Bildfläche verschwunden.

Warum also dauerte es drei Jahre, bis die von der Bundesrepublik verkündete Daueraufgabe der Vermittlung von Wissen über Antisemitismus in Organisationen und Gremien im Deutschen Fußball angenommen wurde? Borussia Dortmund machte im Oktober 2020 den Anfang, nachdem man am World Holocaust Forum in Yad Vashem teilgenommen hatte und äußerte den Wunsch, „dass sich viele Vereine anschließen. Für den Kampf gegen Antisemitismus kann es nur einen gemeinsamen Weg geben. Die IHRA-Definition schafft hierfür den richtigen Rahmen.“ (Carsten Cramer, Geschäftsführer von Borussia Dortmund).

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Dieser Wunsch wurde bis dato eher mäßig erfüllt – und das sendet kein gutes Zeichen. Warum haben sich nicht mehr Vereine aus NRW an der Veranstaltung beteiligt, beziehungsweise warum haben sich spätestens mit der Stellungnahme von der Deutschen Fußball Liga nicht zumindest alle 23 restlichen Vereine dazu bereiterklärt, die Arbeitsdefinition anzunehmen? Die Premier League schaffte das im Dezember 2020 schließlich auch.


Klar ist allerdings auch, dass sich die bereits teilnehmenden Vereine an dieser Definition messen lassen müssen, obwohl sie keine rechtliche Bindung mit sich trägt. Die Vereinsverantwortlichen müssen langsam mal einen Gang zulegen. Denn ähnlich wie bei anderen gesellschaftlichen Themen wie Rassismus, Antiziganismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit müssen die Verantwortlichen auch abseits von Hashtags und Slogans dafür sorgen, dass jegliche Form von negativen -ismen unter Spieler:innen, Mitglieder:innen, Fans und Mitarbeiter:innen keinen Raum findet. Immer noch sind rechtsextreme und antisemitische Anhänger:innen ein Problem in der Gesellschaft, in Fanszenen und Vereinen. Umso wichtiger ist es, die Antisemitismusprävention voranzutreiben. Eine Definition, die diese unterstützt, kann hilfreich und zielführend sein, darf aber nicht das Ende der Bemühungen sein.


Von Eva-Lotta Bohle

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  1. Kann man nicht einfach "Spielern, Mitgliedern und Mitarbeitern" schreiben? Muss immer dieses absolut bescheuerte und unleserliche ":innen" angefügt werden? In meinen Augen ist das eine Vergewaltigung der deutschen Sprache und vor allem unnötig.

    1. Wo ist das Problem, ist die Männlichkeit in Gefahr?
      Gehören Sie zu den Menschen, denen der Penis abfällt, wenn man in der Sprache alle Menschen anspricht?
      Das Wort "Vergewaltigung" in Zusammenhang mit Sprachentwicklung zu nutzen, zeigt ein besonders hohes Niveau!

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