Als Schiedsrichter Sascha Stegemann am Dienstag die DFB-Pokal-Partie zwischen Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach abpfeift, steht den Verantwortlichen der Fohlen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Die 0:1-Niederlage kann weder die mittlerweile einen Monat andauernde Sieglos-Serie stoppen noch die Fan-Akzeptanz gegenüber des künftigen Ex-Trainers Marco Rose stärken. Ein Szenario, bei dem wohl kein schwarz-weiß-grünes Herz vor Emotionen höher schlägt.


Auch einer der besten Taktikanalysten des Fußballs, Gladbachs Co-Trainer René Maric, ist bedient. Seine Arbeit, die aus der Gegneranalyse und der Spielvorbereitung besteht und nach eigenen Angaben manchmal über 100 Wochenstunden einnimmt, zahlt sich nicht aus. Betreten steht er nach der Partie am Rande des Spielfelds. Als sich Dortmund-Stürmer Erling Haaland, den Maric noch aus seiner Salzburger Zeit kennt, zu ihm gesellt, verbessert sich seine Laune. Haaland legt den Arm und Maric, die beiden tauschen sich aus, lächeln – Bilder, die von den TV-Kameras eingefangen werden und in einem Bruchteil von Sekunden zu einem Shitstorm in den sozialen Medien führen.

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Maric nehme den Fußball nicht ernst und verhöhne mit seinem „Lächeln nach der Niederlage“  den Verein, sind nur einige der meist nicht zitierfähigen Vorwürfe vermeintlicher Gladbach-Unterstützer*innen. Wenn auch oft unbedacht und übertrieben, scheint die Kritik der Fans auf den ersten Blick nachvollziehbar: Seit der zeitlich unglücklich gewählten Bekanntgabe des Dortmund-Wechsels von Marco Rose und seinem Trainerteam genießt nämlich auch Maric nur noch wenig Rückhalt in der Fanszene. Hinzu kommt, dass das Fan-Handeln im Moment der Niederlage wahrscheinlich sowieso weitaus emotionsgeladener und impulsiver ist.

Kurze Zeit später meldet sich Maric deshalb auf Twitter zu Wort. Er liefert den Kontext zu den Haaland-Bildern und entschuldigt sich. „Dumm“ nennt er sein Handeln. Er habe die Kameras auf Grund der Emotionalität der Situation vergessen.

Die Geschichte könnte nun vorbei sein. Mich beschäftigen jedoch ihre Folgen: Vereinsmitarbeiter*innen müssen sich mittlerweile dafür entschuldigen, dass sie die permanente TV-Überwachung vergessen und echte Emotionen zeigen. Sie müssen sich dafür rechtfertigen, dass sich ihr emotionales Empfinden in gewissen Situationen von dem der Fans unterscheidet. Plump gesagt: Wer dem rigiden Gefühlskodex mit dem Schema „Sieg=Lächeln“ und „Niederlage=Schmollen“ nicht folgt, wird geächtet. Oder?

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Ganz so drastisch mag die Situation noch nicht sein. Da der Fall Maric allerdings auch kein Einzelfall ist (ähnliches passierte vor zwei Wochen z.B. Barcelona-Coach Ronald Koeman und vor einem Jahr Manchester United-Trainer Ole Gunnar Solskjaer), befürchte ich, dass der kurzfristige Zorn, den sich die Anhänger*innen im Affekt vom Leibe schrieben, zu einer langfristigen Bedrohung der Attraktivität und des Arbeitsklimas im Fußball anwachsen könnte. Denn nicht nur Maric, Koemann und Solskjaer werden sich in Zukunft drei Mal überlegen, welche Miene sie nach einer Niederlage aufsetzen und welche Worte sie wählen – auch positiv bewertete und öffentlich abgefeierte Emotionsausbrüche, wie etwa der von Paderborn-Trainer Steffen Baumgart nach der DFB-Pokal-Niederlage gegen Dortmund, könnten aus Angst vor Gegenwind schwinden.

Was bedeutet das für den Fußball? Charaktere werden austauschbarer, die Identifikation mit den Akteuren schwieriger, menschliche Reaktionen planbarer. Sind die Protagonisten jedoch erst einmal entzaubert, kann der Sport dies nicht lange kompensieren. Denn eigentlich ist es doch genau das Drumherum, inklusive seltsamer Querköpfe, eiskalter Analytiker und hochemotionaler Heißsporne, das den Fußball so liebenswert macht.

Fans, mich eingeschlossen, sehnen sich verständlicher Weise nach dem Spiegelbild ihrer eigenen Gefühlswelt bei den Personen, die sie mit aller Kraft unterstützen – fordern ja sogar häufig mehr Menschlichkeit und Emotionalität bei Spieler*innen und Offiziellen. Solange sie die Personen des öffentlichen Fußballlebens allerdings für echte Emotionen rügen, wenn diese nicht mit den ihren übereinstimmen, kann leider niemand erwarten, dass der Profifußball authentischer und phrasenloser wird. Der bisher gewählte Weg der Kritik könnte genau für das Gegenteil sorgen.


Von Ole Jonathan-Gömmel

Lob, Kritik, Feedback, User-Meinung, Lottozahlen:

  1. Fans durchleben echte Emotionen. Der Fußball ist aber so kaputt, dass er für die Protagonisten einzig ein Geschäft ist. Das erleben wir in Gladbach dieser Tage mal wieder schmerzlich. Mag sein, dass Maric gegenüber Haaland nette Emotionen zeigte, mag auch sein, dass das halb so wild war. Aber auch ein Maric wird für seine Vorbildfunktion und sein Gesicht in den Kameras sogar bei unserer Borussia nicht ganz schlecht entlohnt. Das ist bei Fans anders. Wenn man also mit dem Fußball nur noch ein Geschäft macht, so wie aktuell Roses Trainerteam, ist es wenig wundersam, dass die Reaktion der Fans teilweise heftiger ausfällt. Wie wenig o. g. Team die Seite der Fans begreift, wissen wir spätestens seit dem Derby.

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